Melbu Sommer 2009

"Übrigens, sagte er, sei dies ein jämmerliches Markt in Vergleich zu, was er gewöhnt war, ein Revolver war nicht zu kaufen." (August über den Markt in Stokmarknes aus 'Landstreicher')

Ich erinnere noch, was ich in meinem kleinen Bericht schrieb, als ich vor zwei Jahren in Melbu-Sommer war: "Nach und nach war das Flüstern der Stadt deutlicher geworden, die Stadt wuchs wie ein alter Bekannter, hier möchte ich gerne zurück kommen." Und nun bin ich wieder hier, am Abend angekommen auf "Skagen", der Flugplatz mit dem Namen, der alle Dänen an Sonne, Strand und Künstler hoch im Norden Jütlands erinnert.

Nach einem unglaublich schönen Autofahrt im "ewigen Tage des Nordland-Sommers", wurde ich am Melbu Hotel abgeliefert wo man mich herzlich empfing.

"Es weht ein Bißchen, ein fremder Wind kommt zu mir, ein sonderbarer Luftdruck. Was ist es? Ich schaue mich herum und sehe Niemand. Der Wind ruft mich und meiner Seele neigt sich ja-sagend den Ruf entgegen und ich fühle mich aus meiner Zusammenhang gehoben, an einer unsichtbare Brust gedrückt, meine Augen laufen an, ich zittere." (Pan)

Nicht nur das literarische Seminar sondern das ganze Programm der Woche sah wieder sehr spannend aus. Eine Perlenkette von Erlebnissen wurden angeboten, etwas für jeden Geschmack und jede Alter: Konzerte, Ausstellungen, Kinder-Programm, Fußball-Schule und vieles mehr während der "Sommer-Melbu" vom 3 - 11 Juli.

Literatur als kollektives Gedächtnis lautete in diesem Jahr der Titel des drei-tägige literarische Seminar in Melbu, Drehpunkt Knut Hamsuns Werke, an dem ich Teil nahm. Heuer ist es 150 Jahre seit Knut Hamsuns Geburt. Die Nordland Akademie für Kunst und Wissenschaft hatte diese Gelegenheit genutzt und die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der Literatur als kollektives Gedächtnis gelenkt.

Eine schöne Gelegenheit für spannende Tage. Und nicht nur die Literatur und das Wiedersehen mit neue und alten Bekannten machte die Tage ein solches Erlebnis aber auch die Natur auf Vesterålen! Es war wie ein Wunder, ich konnte mich nicht satt sehen. Neugierig blickte ich überall, die Sonne schien und die Berge auf den Lofoten türmten sich mit weiße Schneekappen auf den Gipfeln. Die Häuser der Stadt lächelte mich an, hier fühlte ich mich willkommen, ins Besondere als ich in das Büro des "Sommer-Melbu" ging und sofort von allen begrüßt wurde, hier sind viele alte Bekannte.

Freitag den 3. Juli hatte ich ein bißchen Zeit mich in der Stadt um zu sehen, bevor das Seminar um 13 Uhr im Samfunnshuset (Gemeindezentrum) mit dem Film "Landstreicher" aus dem Jahre 1989 anfing. Er basiert auf Knut Hamsuns Roman, mit Manuskript von Lars Saaby Christensen. Ein Großteil des Films ist auf Hamarøy aufgenommen und beschreibt Nordland in der Übergangszeit zwischen den "Kaufmanns-Könige" und der Moderne rund 1860.

"Das Dorf lag still und dunkel, arm und herunter gekommen, nichts war übrig von der Reichtum des Heringsfangs, kein Anstrich an den Häusern, kein Tanz und Feier unter den Menschen." (Landstreicher)

Nach dem Film und Kaffee gingen wir gestärkt rüber zu Melbu Hovedgård (Herrensitz) um Historiker Edgar Hovland zu hören, als er über Melbu und die Stadt Segelfoss um 1890 bis in den Jahren zwischen den Weltkriegen berichtete. Wir bekamen spannende Spiegelungen zwischen den zwei Kleinstädten und zwischen die Geschickte des Autors und die reale Geschickte.

"Man soll auf den Markt kein Lust zeigen, Lust ist heilig, der Kuss und die Umarmung stehen in keinerlei Beziehung zur Straße." (Die Stadt Segelfoss)

Um 18 Uhr war die offizielle Eröffnung des Sommer-Melbu auf dem Kai vor Neptun, Norwegisches Fischindustriemuseum. Es gab eine Völkerwanderung zum Kai, mit dem beliebten örtlichen Musikkorps voran, ja die Stimmung war spitze. Die Willkommen-Ansprache; ein verdientes Danke Schön an den Veranstaltern und den freiwilligen Helfern; Carsten Jensen ließ aus seinem Buch "Wir, die Ertrunkene"; so fing das Sommer-Melbu richtig an.

Hunger hat uns nun eingeholt und nach einem guten Essen beendete wir den Abend mit dem Film "PAN" aus dem Jahre 1922. Der Film ist hier in Melbu aufgenommen. Pan ist ein Stummfilm und wurde hervorragend begleitet von Ida Cathrine Angel aus Melbu auf Klavier, es war, als ob wir zurück versetzt waren in alten Zeiten, wo Film durch Texte, Mimik und Musik lebten. Ein herrlicher Tag ging zu Ende.

"Ob du es glaubt oder nicht, so gehe ich nun hier und friere; es friert mich den ganzen Rücken hinunter wenn ich nah an dich komme. Es ist aus pure Glückseligkeit." (PAN)

Samstag den 4 Juli. Der Tag fing mit dem Autor Carsten Jensen an und mit seinem Vortag über sein Buch "Wir, die Ertrunkene". Das Buch nimmt sein Thema von den Seeleuten, die von Marstal auf Ærø hinaus segelten und nie zurück kamen. Carsten erzählte unglaublich lebendig und engagiert, der Vortrag wurde ein Hammer, wir Zuhörer glaubten fast Teil der Geschickte zu sein. Das "ich" im Buch ist ein kollektives "wir" über 4 Generationen. Das Buch ist eine Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit. Sehr spannend, wie aktuelle Romane zu unsere kollektives Selbst-Verständnis beitragen kann.

Nach diesem inspirierenden Vortrag gingen wir ins Kino um einen besonderen Film zu sehen, "Segen der Erde" als Stummfilm, aufgenommen in 1921 in Kreis Rana und neu restauriert mit hervorragender Musik, die genau zur Film passt. Etwa 20 Minuten des Films wurde bis heute nie entdeckt. Ein großen Erlebnis diesen alten Film zu sehen, es wurde einer der Höhepunkte für mich.

"Die Häuser standen nun so grau und nackt, standen wie Haus in Hemdsärmel." (Segen der Erde)

Nach dem Mittagessen nahm sich Philosophin Nina Frang Høyum "Segen der Erde" an, nicht nur als ein Buch über ewige Werte unabhängig von Zeit und Ort, sondern auch ein Buch über die Modernisierung von Nord-Norwegen um 1860 und 25 Jahre weiter. Zum Beispiel gab es Ähnlichkeiten zwischen Sellanrå und die Siedler- und Erzstadt Sulitjelma in der selben Zeitspanne.

In seinem Tagebuch schreibt Thorkild Hansen Freitag den 25 März 1977: Immer noch grau und kaltes Wetter, aber: Habe "Der Hamsun-Prozess": 5 Teile, 40 Kapitel, 809 Seiten fertig. Es gibt noch weiche Stellen, aber der Abschluß ist in Ordnung. Als ich den letzten Abschnitt für Gitte ließ, wurde sie zu Tränen gerührt."

Philosophin Heidi Norland, auf ihr Thema freute ich mich besonderes: "Thorkild Hansens Der Hamsun-Prozess. Fakten in freien Dressur." Genau durch dieses Buch kam ich in die Hamsun'sche Welt hinein und habe sie noch nicht verlassen. Kein anderer Biograph hat eine solche Debatte ausgelöst, als das Buch im Herbst 1978 erschien. War es eigentlich die schmerzliche Fakten über Hamsun, die die Debatte anfachten oder war es viel mehr Thorkild Hansens Weise, die Biographie zu schreiben? Sehr spannend anzuhören.

Den letzte Vortrag des Tages hielt der Literatur-Wissenschaftler Lars Frode Larsen: "Knut Hamsuns literarische und politische Verwandlung". Lars Frode nahm uns mit auf eine spannende Wanderung in die Zeit zwischen 1890 - 1940 und zeigte uns die literarische und die politische Seiten Hamsuns. Welche Zusammenhänge existieren zwischen den jungen radikalen Hamsun und den alten reaktionären. Ein spannender Vortrag, der zum Nachdenken einlud.

Der Abend wurde auf einen wunderschönen Segeltörn mit einem Boot alter Nord-Norwegischer Bauart, der Jekt, verbracht. Es war kühl aber ein wundervolles Erlebnis. Unten im Salon wurden Krabben und diverse Getränke serviert. Wirklich ein einmaliges Erlebnis mit der Sonne hinter den Bergen und fröhlichen Menschen anbord.

Sonntag den 5 Juli. Der Tag fing an mit einem Auszug aus der TV-Serie "Benoni und Rosa", die 1973 oder 1975 im Norwegischen Fernsehen gezeigt wurde. Anschließend hörten wir einen sehr interessanten Vortrag von der Medien-Wissenschaftlerin Hege Gundersen. Thema war, was passiert wenn eine Gesellschaft anno Dazumal durch eine Fernsehserie geschildert wird, welches Bild von einem historischen Verlauf bekommen wir, welche Mythen werden zerstört und welche verstärkt.

"Die Sonne steht da und leuchtet immer und immer, Stunde um Stunde, Tag und Nacht." (Benoni)

Der Literatur-Wissenschaftler Walter Baumgartner referierte dann über die interessante Frage: "Hatte Hamsun ein Blick auf die Geschichte?" Untersucht wurden zwei von Hamsuns Erzählungen, die Novelle 'Kleinstadtleben' und den Roman 'Die Weiber am Brunnen'.

"Seine Sprache war wie seine Anatomie: Er wußte, war was er wissen mußte." (Die Weiber am Brunnen)

Letzter Referent war der Autor und Historiker Jørgen Norheim: "Der historische Roman als kollektives Gedächtnis." Nordheim verglich eine Gesellschaft ohne kollektives Gedächtnis mit einer Person der an Gedächtnisverlust leidet, wobei er auch das kollektive Gedächtnis als ein Prozess mit vielen Interessenten und viele Akteure betonte.

Es wurden drei intensive Tage mit Erlebnissen für allen Sinnen: Filme basierend auf Hamsuns Romane, Vorträge, Musik, fruchtbare Diskussionen, Segeln in den Lofoten. Ja, Sommer Melbu ist ein Füllhorn von guten Erlebnissen. Diesmal schaffte ich es leider nicht die verschiedene Kunstausstellungen zu besuchen, nächstes Mal muss ich noch einen zusätzlichen Tag dazu nehmen.

Am Sonntag, in der Mittagspause, besuchten wir ein Teil des Garten-Party auf den Herrensitz Melbu hovedgård, die Sonne schien über Menschen aller Altersgruppen, die die Stimmung genossen und auch allerlei Speisen wie zum Beispiel rømmegrød (eine Brei aus saure Sahne), nicht gerade mein Lieblingsgericht. Musikalisch wurde alles umrahmt von Morten Carlsen (Bratsche) , Hans Josef Groh (Cello) und Siri Torjesen (Gesang). Eine sehr schöne Stimmung, die da wie über uns rieselte.

Der Tag ging weiter mit einem geführten Rundfahrt auf der schönen Insel Hadsel. Nach einem guten Essen endete der Abend mit einem speziellen Tank-Konzert, eine Aufführung mit Licht und Klang kreiert für diesen Tank und seine Akustik. Der Tank ist ein ehemaliger Herings-Öl Reservoir mit einem eigenartigen Nachhall. Es wurde wirklich ein einmaliges Erlebnis mit Håkon Kristiansen (Percussion), Rasmus Johansen (Bass) und Maja Eline Larsen (Licht-Design.

Ein herzliches Danke Schön an allen, die mir und uns allen solche unvergessliche Erlebnisse geschenkt haben. Mein Herz war voll wie von dunklem Wein, wie Hamsun schreibt, als ich Montag früh zum Flughafen fuhr und nach Hause flog, ein bißchen weißer bezüglich des kollektiven Gedächtnis.

Hedvig Rasmussen


© Kirsten Hedvig Rasmussen www.hamsun.at