In 1917 gab John Landquist, schwedischer Psykologe und Literaturforscher, "Knut Hamsun. En studie över en nordisk romantisk diktare." heraus.

Aber es war nicht die erste Biographie über Hamsun, die finden wir in Deutschland, wo schon 1907 Kurt Rotermund einen Buch über Hamsun geschrieben hat. Dieses Buch habe ich noch nicht gefunden, leider, aber dafür der nächste aus 1910 von Carl Morburger. Und seitdem gibt es kein Ende was alles über Hamsun in Artiklern und Aufsätzen geschrieben worden ist, wobei die Anzahl der Biographien noch nicht so zahlreich ist. Was man schnell begreift: Es war nie möglich, Hamsun eindeutig zu zuordnen, ihm einen bestimmten Meinung zu zuschreiben - obwohl viele haben es versucht. Es gibt so viele Schichten in seinen Werken und in seinem Leben, vielleicht deshalb fasziniert er uns immer noch:

" Hr. John Landquist. Hamarøy 26.02.1917

Ich danke Ihnen für die große Überrachung, die Sie mir bereitet haben. Ich weiß nicht, ob Sie für oder gegen mich sind, das macht auch nichts, aber es war auf jedem Fall eine Überrachung. Literatur bedeutet mir Nichts mehr, ich bin seit vielen Jahren Bauer, aber jetzt muß ich den Hof verlassen, weil ich so psychisch angeschlagen bin.
Vorläufig bin ich nicht in der Lage Ihr Buch zu lesen, aber ich werde Ihnen zu einem späteren Zeitpunkt schreiben wenn Sie wollen, jetzt ist mir so schlecht...."

SOMMER-MELBU JULI 2007

Es ist immer ein ganz besonderes Gefühl an einem neuen Ort anzukommen. Man schaut sich neugierig herum, wie sieht es hier aus - die Häuser die Farben, die Bäume und die Berge alles erzählen flüsternd ihre Geschickten und man lauscht die Seele des Ortes. Das Gebirge thront majestätisch im Hintergrund sich im Meer spiegelnd, wo die Fähre sich mit Touristen und Ortsansässigen füllt, währen die Wolken über den Himmel rasen ohne sich entscheiden zu können ob sie wieder verschwinden sollen oder etwas Nässe über Sommer-Melbu verteilen sollen!

Voller Erwartung war ich in "Skagen" angekommen, ja für eine Dänin erinnert die Name an einem Ort ganz im Norden Dänemarks mit pittoresken Häusern, Künstler und eine versandete Kirche. Hier ist es aber der Name des örtlichen Flughafens, wo ich angekommen bin um an dem Literarischen Seminar in Sommer-Melbu mit dem Titel "Ein Leben schreiben... - Die Biographie als literarische Gattung." Teil zu nehmen.

"Metall rostet und vergeht, Stein zerbröselt, royale Talare werden von Motten zerfressen, aber nach vier Jahrhunderte ist eine gedruckte Seite genau so pur, frisch und leserlich als wäre er neu." F.W. MacDonald.

Nicht nur das literarische Seminar sondern das ganze Festival-Programm hörte sich unglaublich spannend an. Es wurde eine Perlenkette von Erlebnisse angeboten, hier war etwas für jeden Geschmack und jede Alter: Konzerte, Ausstellungen, Kinderspaß, Fischrestaurants mit frisch gelandetem Fisch, die Café Ylajali.

Glücklicherweise hielten sich die drohende Wolken weg und überließ die Sonne das Fest im Garten des Melbu Herrenhaus. Junge und Alte strömten hierher um die Stimmung zu genießen, den Kaffee, The, Cola, Wasser, unmengen von Waffeln und "rømmegrød" - ein Brei aus saure Sahne, vom Letzteren hielt ich mich fern!

Melbu Musikverein sorgte für Unterhaltung, zusammen mit jungen Gästen aus Murmansk, die eine Tanzshow für uns gaben.

Selbst schaffte ich mehrere Kunstausstellungen, ein Paar Konzerte am Marktplatz, eine Führung im Melbu Herrenhaus und im Museum, Kultur in der Kirche - und nicht zuletzt die schöne Stimmung als ich während meiner Spaziergänge in der Stadt mit fröhlichen und interessanten Menschen sprachen, ins besondere während den Ausstellungen, wo die Kunst Gespräche über alles was man sieht und erlebt förderte.

Das literarische Seminar, mein Schwerpunkt, begann mit einem Diner inspiriert von der Literatur. Einen besseren Anfang konnte man sich nicht vorstellen mit alten und neuen Literaturfreunden, ein Abend wo sich hervorragendes Essen, interessante Gespräche und Unterhaltung zusammen fügte.

Eine besondere Freude machte es, die vielen Menschen in der Bibliothek im Gemeindehaus zu sehen. Ein Gedenktafel erinnerte daran, dass das Haus ausschließlich durch freiwillige Arbeit, in norwegisch Dugnad, errichtet worden war. Sehr beeindruckt bereitete ich mir vor auf die Vorträge des Tages mit dem Thema:

Wie beeinflussen Knut Hamsun-Biographien das Erlebnis der Leser seiner Bücher? Brauchen wir die Biographien um die Werke besser zu verstehen oder werden die zu störende Information? Ist eine Trennung zwischen Leben und Werk bei Hamsun möglich?

Zwei Autoren von Hamsun Biographien Ingar Sletten Kolloen und Jørgen Haugan sowie Knut Jarl Michelsen, Autor einer Abhandlung über biographische Darstellungen des jungen Knut Hamsun, beurteilen das Verhältnis zwischen Leben und Werk Hamsuns.

Ist der Trend zur zunehmender Gebrauch autobiographische Züge in Belletristik nur "narzisistischer Egomanie"? Oder wird das ehrgeizige epische Werk ärmlicher als eine so genannte persönliche Schilderung? Wir schließen uns die Debatte anläßlich die sehr persöhnlichen Veröffentligungen des Vorjahres an. Mit uns sind Vigdis Hjort, Ragnar Hovland und Enel Melberg

Professor Arne Melberg, der allgemeine Literaturwissenschaft an der Osloer Universität unterrichtet, nehmen sich Biographie als Gattung vor.

Die zwei Literaturtage fingen stimmungsvoll mit Musik an.

Voller Erwartung saß ich mit den anderen Literatur-Liebhabern um in den Gedanken und Überlegungen rund um "Ein Leben schreiben" Teil zu nehmen.

Professer Arne Melberg vom Universität Oslo öffnetet das Seminar mit seinem Vortrag:

"Das eigene Leben schöpfen - von der Autobiographie zur Blogg"

Wir bekamen eine interessante Einführung in die Geschichte der Autobiographie, die sein Durchbruch in Frankreich mit Mogtaigne im 16.Jahrhundert bekam und bis heute. Wir beschäftigten uns mit der Problematik, wie kan man überhaupt sich selbst beschreiben, immer ist eine Wahrheit hinter einer Wahrheit zu finden, man kann sich selbst nie zu Ende beschreiben!

Ragnar Hovland, Enel Melberg und Vigdis Hjort:

"Die Verwendung autobiographische Züge in den eigenen Büchern"


Es wurde ein spannender Vormittag mit Einblicke in das Geschehen und die Erlebnisse, die die Autoren zu Autoren machten. Auch über Erlebnisse im Leben, die es notwendig machten autobiographische Züge ein zu bringen. Wie Vigdis Hjort es formulierte: Viele Karten werden auf den Tisch gelegt, aber nicht alle haben die Vorderseite nach oben!

Das Bücherbad (norwegisch für Gesprächsrunde über Bücher!) später in Café Ylajali, mit Frank A. jensen - selbst Dichter - in Gespräch mit den drei Autoren, wurde eine spannende Fortsetzung des interessanten Thema.

Um 21Uhr, in dem hellen Abend, wo doch ein bißchen Regen zu spüren war, fuhren wir im Bus zum alten Handelshaus Jennestad und dessen Besitzer Kåre Bjørn Kongsnes.

Ein wunderschön restauriertes Haus gefüllt mit guter Kunst, ein Raum Knut Hamsun gewidmet mit Portraits, Zeichnungen, Bücher - eine unglaubliche Sammlung zum Eintauchen - hier hätte ich Stunden verbringen können! Kåre Bjørn Kongsnes lud nicht nur auf Champagner und vielen kleinen Köstlichkeiten ein, er erzählte auch über "Hamsun in der bildende Kunst" und eine junge fähige Dame spielte Werke für Flöte für uns.

Und dann war es Mitternacht und die Sonne lächelte durch die Wolken und legte ein verzaubertes Licht über diesen wunderschönen Ort. Auf dem Kai stand der alte Laden, wie zu Hamsuns Zeiten, fast hörte man Pan im Garten auf seine Flöte spielen und ahnte den Schatten von Knut Hamsun, mit Bleistift hinter dem Ohr, hinter den Tresen im Laden verschwinden!

"Nun wurde es nicht mehr Nacht; die Sonne tauchte ihre Scheibe nur ins Wasser hinab und kam dann wieder herauf, rot, verjüngt, als wäre Sie unten gewesen und hätte getrunken." (PAN)

Die Fahrt zurück im Bus mit den Bergen, die sich sich im Meer spiegelten, war ein großes Erlebnis. Die Natur ist hier oben so unglaublich intensiv und schön.

Das Seminar setzte sich am Tag danach fort mit Hamsun als Thema.

Nun gab es Regen, die Sonne zeigte sich nur kurz um wieder mit meinen Sinnen zu spielen. Wir fanden uns in einer warmen Gemeinschaft um Hamsun Dichtung.

"Hamsun - das Verhältnis zwischen Leben und Werk":

Jørgen Haugan gab uns Einblick in seinem lebenslangen Ringen mit Hamsun, und seine Mühen die Biographie zu vollenden.

Jørgen zeigte durch mehrere Beispiele, dass gerade die Biographie die beste Methode ist um sich Hamsun zu nähern, um zu verstehen welche Zusammenhänge es gibt in Hamsuns Leben und in was er schreibt.

Ingar Sletten Kolloen betonte wie schwierig es ist einen Menschen zu beschreiben, wie wichtig es ist die Werke genau zu kennen und die Zeit zu verstehen, in der sie geschreiben ist. Kolloen erzählte, dass seine Biographie jetzt in 8 Sprachen vorlag.

Knut Jarl Michelsen erzählte u.A. über die Mythen, die um Hamsun entstanden waren und wie frühere Biographen diese Mythen weitergebracht hatten ohne jede Quellenkritik.

Es wurden ungeheuer spannenden Stunden in "Hamsun" Gesellschaft, viele Mythen wurden durchforstet und neue Informationen machten uns ein kleines bißchen Weiser bezüglich diesen spannenden und komplizierten Dichter.

Die spannenden Vorträge, ja, aber alle Debatte in den Pausen und später während des Diners sind so fruchtbar und die Aussicht nimmt einen, die geboren ist wo das höchste Berg 178 Meter mißt, das Atem weg, dass ein Ort so schön sein kan!

Es gibt so viele unterschiedliche Sichtweise zu Hamsun. Eines ist sicher: Man wird ihm nie ganz kennen lernen. Wie ich gelesen habe: Wenn man glaubt jetzt hat man Hamsun verstanden, ist er schon weiter gegangen.

Hamsun zu verstehen ist wie Berge erklimmen, es gibt immer ein Gipfel mehr zu besteigen.


Nach und nach war das flüstern der Stadt deutlicher geworden, die Stadt wuchs wie ein alter Bekannter, hier möchte ich gerne zurück kommen.

Der Nordland-Akademie in zusammen arbeit mit dem Hamsun-Zentrum und allen, die diese Tage hier in Melbu zu ein so großes und warmes Erlebnis machten: Vielen herzlichen Dank, ich komme bestimmt wieder.

Kirsten Hedvig Rasmussen

Ja, ist man von der Hamsun Bazillus infiziert wird man nie richtig geheilt, man kan doch weniger befallen sein als ich.


© Kirsten Hedvig Rasmussen www.hamsun.at