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Die Hamsun-Tage in Hamarøy 2006.

"Nun wurde es nicht mehr Nacht; die Sonne tauchte ihre Scheibe nur ins Meer hinab und kam dann wieder herauf, rot, verjüngt, als wäre sie unten gewesen und hätte getrunken." (Pan).

Nun hat ganz Norwegen wieder den Sommer gefeiert mit Festivals überall im Lande: Vom Jazz-Festival in Molde, die klassischen Bergen-Festspiele, das Peer Gynt Spiel, das Øya Festival in Oslo bis Riddu Riddu - Europas wichtigste Festival der Urbevölkerungen. Wie viele Festivals es überhaupt gibt ist wohl unmöglich zu beziffern aber mehr als 200 Festivals bieten Musik von internationalen und nationalen Künstlern. Dazu kommen alle Festivals mit anderen Schwerpunkte wie Literatur, Kinder, Theater, Film ....
Die Internet-Suchmaschine google.no listet mehr als 2 Millionen Verweise auf "festival norge"!

Einige Festivals sind etwas besonderes. Mein persönlicher Favorit ist natürlich Die Hamsun-Tage in Hamarøy! Hier hat man VISIONEN, diese Gemeinde weit nördlich des Polarkreises investiert jedes Mal in ERSTAUFFÜHRUNGEN und gibt neue Musikwerke in Auftrag. Man schöpft Produktionen mit nationalen Resonanz, ab und zu sogar mit internationaler Beachtung. Jedes Mal treten bekannte Künstler auf und ausländische Journalisten sind da zusammen mit norwegischer Presse und Radio/Fernsehen. Bemerkenswert ist auch, dass es alles nur möglich sei durch eine enorme freiwillige solidarische Leistung einer Großzahl der Einwohner dieser Gemeinde und deren enthusiastischen Komitee. Die Hamsun-Tage in Hamarøy werden alle zwei Jahren veranstaltet - zuerst in 1982 - und bietet eine wahre Wundertüte an kulturelle Angebote basierend auf und um Hamsuns Werke herum, aufgeführt in diesem Nordland, in dem Land der Mitternachtssonne, was Hamsuns Schaffen sein ganzes Leben lang so beeinflußt hat. Aber lesen Sie lieber meine Reportage von den diesjährigen Hamsun-Tage und bekommen Sie Lust nächstes Mal selber Teil zu nehmen!

Die Hamsun-Tage fingen in diesem Jahr am 29.Juli an, wie immer unter strahlendem Sonnenschein, und mit der traditionelle und würdige Eröffnungszeremonie auf dem Platz zwischen dem Rathaus und Hamsuns Hof Skogheim. Leiter der Hamsun-Stiftung Hamarøy Asbjørn Hopland und Hamarøys Bürgermeister Jan-Folke Sandnes hießen uns Willkommen zusammen mit dem Kultus-beauftragten der Region Nordland Stig Olsen und Regionalrat Geir-Ketil Hansen. Ein zentrales Thema der Reden war die Bedeutung der Erneuerung und die Beteiligung der neuen Generation im ruralen Norwegen - ein wiederkehrendes Thema auch bei der Programmgestaltung der Hamsun-Tage mit noch mehr Angebote auch an jüngeren Menschen. Angemahnt wurde natürlich auch, dass die letzten Mittel für das neue Hamsun-Zentrum in Hamarøy freigegeben werden mussten, damit das Zentrum für das Jubiläum 2009 zum Hamsuns 150. Geburtstag bereit steht. Das Zentrum wird auch wirtschaftlich ein bedeutender Einfluß in der ganzen Region bekommen.

Es ist ein langer Tradition, dass die Hamsun Familie Präsenz zeigt in Hamarøy, es wirft ein besondere Glanz über den Tagen. Marianne Hamsun, Knut Hamsuns Schwiegertochter, Leif und Torgeir Hamsun, Knut Hamsuns Enkel sowie Ann Christine und Joacim Hamsun, Torgeirs Gattin und Sohn waren in diesem Jahr anwesend.

Kulturelles kam von Festivalerzähler Stein Elvestad, der aus "Victoria" ließ - die Szene wo Johannes ein Kind vor dem Ertrinken rettet - und der Pianist Rune Alver, der auf wunderschöne Weise die ganze Veranstaltung einrahmte.
Danach stellte Marianne Hamsun die beteiligten Bildkünstler vor und eröffnete mit wohl gewählten Zitaten aus "Vom unbewussten Seelenleben" die Kunstausstellungen.


Jan-Folke Sandnes heißt Willkommen wohl gelaunte Festival Teilnehmer in der Sonne Asbjørn Hopland und die Bildkünstler

Die Kunstausstellungen waren in diesem Jahr konzentriert in Skogheim, im Freilicht Museum und in der Kafé am Elternhaus in Hamsund. In Skogheim stellte Frans Widerberg aus. Ihn braucht man nicht vorzustellen, seine Kunst kennt man wieder und man freut sich über die reine Linien in klaren blauen, gelben und roten Farben, wodurch Menschen, Rentiere und andere Tiere sich erahnen lässt.
Geht man nach oben, wird man sofort von starken suggestiven Bildern des Sami Künstler Asbjørn Unor Forsøget berührt, Bilder deren Ursprung in Mythen einer Urbevölkerung und Schamanismus liegt. Selbst ohne Kenntnisse in samischer Tradition wird man von den Bildern gefangen gehalten und die eigene Gedanken fangen an zu assoziieren... Eine starkes Erlebnis, der sich übrigens später bei der Mari Boine Konzert wiederholte.
Torgeir Hamsun zeigte seine digitale Fotoausstellung. Torgeir sieht die Natur als ein lebender Organismus voll von Energien oder Gottheiten, wenn man will, und man kennt wieder in jedes Bild, in jeder Stein oder Wasserstrahl Götter und Dämonen.
Victoria Fuhr nannte ihre Ausstellung "Wo Spuren und Pfaden sich kreuzen" und zeigte grafische Arbeiten basierend auf "Auf Überwachsene Pfaden" in einer neue und überraschende Zusammenstellung von der wilde Flora der überwachsenen Pfaden, geschriebene Texte und Ton als Tonspuren dargestellt. Eine außergewöhnlich schöne und authentische Darstellung von Erinnerungen, Zugehörigkeit und Identität.


Torgeir Hamsun Asbjørn Unor Forsøget Victoria Fuhr

Im Freilicht Museum wurden junge Nordnorwegische Künstler gezeigt, gemäß das Konzept die Hamsun-Tage weiter zu entwickeln in dem man Raum für junge Kunst und Erlebnisse für junge Menschen ermöglicht. Der Café am Elternhaus in Hamsund ist neu renoviert und in Zusammenhang mit einem Besuch im Elternhaus war es schön die hübsche Ausstellung mit Thema "Liebe" zu besuchen.

Neu waren die Ausstellungen auf Buvåg diesmal mit Patchwork - sehr schön und pfiffig präsentiert zwischen Fischnetze und Fischgeräte in dem alten Bootshaus - und die Ausstellung von Kunsthandwerk in Nordbygdens Forsamlingshus.

Auch die private Galerien hatte besondere Ausstellungen zu den Hamsun-Tagen: Hamarøy Galerie zentral im Ortsmitte gelegen, Hamsun Galerie in dem Laden auf Tranøy, wo Hamsun als junge Verkäufer gearbeitet hat, Tranøy Galerie mit seine wunderschöne Architektur und den atemberaubende Aussicht gegen den Lofoten - alle diese Galerien muß man einfach besuchen. Die sind natürlich auch außerhalb der Hamsun-Tage geöffnet!


Die Hamsun Galerie - der frühere Laden wo junge Knut Hamsun arbeitete

Die größte Errungenschaft der Hamsun-Tage in diesem Jahr war die Urpremiere von "En fløjte lød i mit blod" (Eine Flöte ertönte in meinem Blut). MiNensemblet und der Chor VocalART hatte 4 Komponisten: Lars Skoglund, Helle Solberg, Bjørn Andor Drage und Helge Sunde eingeladen Musik zu Hamsuns Gedichte zu schreiben und unter Regie von Ola Beskow und dirigiert von Øystein Jæger bekamen wir ein wunderbares Erlebnis in Hamarøy Kirche, wo die Spannweite von Hamsuns Gedichte sich zeigte. Die Aufführung war speziell für Hamarøy Kirche konzipiert mit kreatives Licht Design. Das Werk ist sehr anspruchsvoll aber das MiNensemblet und VocalART meisterten alles hervorragend und wurde vom Publikum mit begeisterten stehenden Ovationen belohnt. Es ist bejahend, wie kontemporäre "klassische" Musik in der Maßen begeistern kann. Diese Aufführung verdient gezeigt zu werden! Vielen Dank den Hamsun-Tagen, dass man hier auf Neuschöpfungen auf diesem Niveau setzt. Es ist wohl zur Tradition geworden: Einer der größten Erlebnisse meines Reisebegleiters ist immer noch die Uraufführung von Svein Schultz' "Dvergmål" auf dem Hausberg Hammerøyskaftet während der Hamsun-Tage 2002.


"Eine Flöte ertönte in meinem Blut"

Noch eine Vorstellung hatte Urpremiere während dieser Hamsun-Tage. "I vintervinden" (Im Winde des Winters) ist eine Multi-disciplinäre Aufführung, wo Annika Lushin und Lars Skoglund zusammen mit der Tänzer Nick Bryson moderner Tanz mit Video, Musik, Ton und Lesung kombinieren. Die Vorstellung basiert auf Hamsuns "Hunger" und die ganzen Extreme dieses Romans werden mit Ausdruckmittel unsere Tage wieder gegeben. Eine sehr eindringliche und - trotz nur ein Tänzer auf der Bühne - sehr heftige Aufführung. Auch hier war das Publikum außerordentlich begeistert trotz oder gerade wegen dem schwere Stoff. Hier in Nord-Norwegen ist Platz und Nährboden für diffizile und herausfordernde Aufführungen!

Was tun, wenn man kein Platz für 80 Musiker, großer Chor, Solisten UND Publikum in Hamarøy Kirche findet - aber man WILL Verdis "La Traviata" zeigen? Man läßt Minda Marie Fiskum, John-Kristian Karlsen, Sigmund Aasjord und der Pianist Sergej Osadchuk die Oper alleine aufführen! Die Künstler nannten es eine Mini-Vorstellung, aber es gabt kein "Mini" in dieser Aufführung: Wir bekamen ALLES mit, die großen Gefühle, Herz-Schmerz, die großen Stimmen - und die Gefühle erreichten jeder Winkel der Kirche. Wir vermissten kein Nuance in der klassischsten der klassischen Liebesdramen. Exzellent gemacht von den 4 Künstlern! Hier konnten wir uns an das wesentliche konzentrieren, die hervorragenden Stimmen.
- außer Referat - es ging ein fast hörbarer Seufzer durch die männliche Hälfte des Publikum als Minda Marie auf die Bühne in ihrem rosa Traumkleid erschien!


"Im Winde des Winters" "La Traviata"

Völlig ausverkauft war natürlich auch der Konzert mit Mari Boine und Band. Mari Boine ist ja im Ausland sehr Populär, auch in Deutschland wo wir wohnen, aber es war das erste Mal dass wir sie live sahen und wir waren gespannt. Das Wetter was klar und hundekalt (man befinde sich in Nord-Norwegen) aber vom ersten Lied an, hatte sie das Publikum in ihrem Bann gezogen. Selbst wir, die kein Samisch verstehen, verstanden wohl trotzdem. Mari Boines Musik hat vielleicht ihren Ursprung in samischer Kultur und Tradition, aber was sie macht ist Welt-Musik in besten Sinne. Lieder wie Heiliger Berg und Adler-Bruder gingen zu Herzen! Es geht eine enorme Ausstrahlung von diesen großen kleinen Mensch. Auch Svein Schultz und die ganze Band waren voll drauf und standen ihr nichts nach.
Das Konzert fand im schönsten und stimmungsvollsten Raum Hamarøys statt, das Staatliche Mehllager auf Tranøy. Dieses altes Holzgebäude hat eine Atmosphäre inne, einzigartig für solche Konzerte. Stellen Sie sich dann vor, als man nach dem Konzert um Mitternacht draußen auf dem Kai kommt, es ist immer hell und vor Anker liegt ein Schiff der Hurtigruten, die "Lofoten", mit allen Lichtern an. Einfach traumhaft!


Mari Boine mit Band

Und dann gabt es die Konzerte mit hervorragenden Künstlern in Hamarøys spannenden und außergewöhnlichen Aufführungsorten, die wir gerne gehört hätten, aber wozu es keine Zeit gab:
- Bluesrock und Trashgrass auf der Skihütte mit Grill Party und Aussicht gegen den Lofoten-Wand
- Maria Solheims 2 Konzerte
- Ola Bremnes und Sundqvist im Leuchtturm von Tranøy
- Ska Patrol: "Das Leben ist ein Fest und Alle sind eingeladen..."
- Jazzkonzert mit JUPITER in der Werkstatthalle der Stokland Bussen
- Jack Berntsen, Cato Hultman, Sverre Harald Eriksen und Tore Hestbråten auf Hamarøy Fiskecamp
Verzeihung! an allen, die ich nicht erwähnt habe. Die Angebote waren nur überwältigend.

Ein fester Tradition der Hamsun-Tage ist die Aufführung eines Hamsun-Schauspiels durch das Laien- und Kabarett Theater Hamarøys. In diesem Jahr sahen wir "August Weltumsegler und Pauline" und das pralle Leben in Polden. Professionelles Theater ist natürlich durch nichts zu ersetzen, aber es ist in JEDEM Jahr ein besonderes Vergnügen zu sehen mit welcher Elan und Freude an der Sache diese Amateure arbeiten! In diesem Jahr war der Casting besonderes gelungen: August, Pauline und ins besondere Edevart WAREN diese Personen! Hervorragend! Das Stück war schwierig mit viel Text aber die ganze Truppe servierten uns ein tolle Vorstellung und wurden mit vollen Häusern jeden Abend belohnt. Große Arbeit wurde auch hinter die Kulissen geleistet und schwer gearbeitet hatten auch die Manus-Verfasser Terje Øien und Tore Hestbråten. Die Theater-Vereinigung MUSS einfach bei den Hamsun-Tagen dabei sein, wir freuen uns immer auf Euch. Spannend, was uns in zwei Jahren geboten wird?


Was will den der August nun? Polden Sparkasse ist gegründet!

Neu in diesem Jahr war dagegen Festivalerzähler Svein Elvestad, den wir schon am Eröffnungszeremonie traf. Er erschien wieder (in mehreren Bedeutungen) mehrmals im Laufe der Woche: Auf den traditionellen nicht Abenteuer sondern AbenTour zum alten Pfarrhof ließ Svein - nein, WAR Svein - "Ein Gespenst". Unglaublich stimmungsvoll mit Fackeln um Mitternacht dort zu stehen und die Erzählung zu lauschen, wo Hamsun selbst gewohnt hatte und mit Aussicht gegen den Friedhof, wo Fackeln auch am Grabe Hamsuns Eltern brannten.
Ganz anders hell und freundlich war der AbenTour nach Buvåg, wo wir am Meer auf die warmen Klippen saßen mit Aussicht gegen die Lofoten und hörten Svein zusammen mit dem Pianisten Rune Alver die Szene aus "Landstreicher" erzählen, wo 2 Spielleute zum Dorf kamen und Edevart sein erstes Treffen mit dem Leben außerhalb des Dorfes hatte. Lesung, nein Svein und Rune WAREN die 2 Spielleute, die unsere Augen für Hamsuns Wörter eröffneten!
Unsere letzte AbenTour ging zur Glimma. Hier saßen wir im warmen Sand, hinter uns
"den Meeresstrom Glimma, einen breiten Strom mit vielen großen Steinen, dessen Brausen Tag und Nacht, Nacht und Tag ertönte". Und Svein berichtete vom Alexander, der nicht seine Leonarda haben konnte und deshalb das Boot gegen einen Stein treiben läßt: "... da sah er Leonarda ein paarmal herumrollen, dann wurde sie emporgehoben und herum gedreht, mit dem Kopf voran, und wirbelte dann mit dem Wasser auf den Grund." Und Sveins Ehefrau unterstreicht die düstere Stimmung mit Wilden und traurigen Tönen ihrer Kontrabass. Nur langsam kamen wir zurück zur Wirklichkeit und konnten wieder Glimma als eine helle und freundliche Strom sehen und erst noch später sehen wir, dass Hamsun wieder für uns gezaubert hat.
Svein, seiner Ehefrau und Rune sind hervorragende Künstler aber auch außerordentlich warme und sympathische Menschen. Es war so richtig Hamsun in dem Dialekt zu hören ,wie es nur ein echter Nord-Norweger überhaupt kann. Wir hoffen, dass der Festivalerzähler eine feste Tradition unter den Hamsun-Tagen wird.


Der Festivalerzähler auf Buvåg... ...am Glimma ...im alten Pfarrhofgarten

Eine sympathische Initiative war es auch eine geführte Wanderung auf "...der lange, lange, Pfad in den Wäldern" zu organisieren. Der Pfad ist ein Schulprojekt, wo die Kinder der Hamarøy Zentralschule außerhalb der Stundenplan sich mit "Segen der Erde" auseinander setzten und eine Torfhütte, Figuren und Infotafeln erstellt haben in der Gegend, wo Hamsun selbst in einer Torfhütte saß und schrieb. Keine Stadtmenschen - außer Hamsun-Leser - wissen wie eine Torfhütte wirklich aussieht, jetzt wissen wir's. In der Schule war eine Ausstellung zu sehen mit Fotos und zugehörigen Hamsun-Zitate - auch von den Schülern dieses Projektes selber erstellt. Eindrucksvoll, was diese 7-10 jährige Schüler zu Stande bringen. Es lohnt sich wirklich, wenn Lehrer ein solches Maß an Initiative besitzen wie an der Zentralschule! Die Wanderungen wurden in zusammen Arbeit mit Hamarøy Gästehaus gemacht, da der Inhaber Martin Pedersen auch eine Torfhütte in der Gegend gebaut hat.


Der lange, lange Pfad in den Wäldern

Jetzt müssen wir wieder um Entschuldigung bitten, da keine Zeit war alle ansprechende Angebote wahr zu nehmen:
- Volksfeste in den Ortschaften Skutvik, Tranøy und Oppeid mit Essen, Musik, Wettbewerb, Segeltörns in den Schären...
- Zirkus
- Schreibkurse für Jugendliche
- Vorträge
- Ahnenforschung
- Infotreffen mit Salten Museum über die Restaurierungen am alten Pfarrhofgarten und das neue Hamsun-Zentrum
- Literaturjam
- Sagen-Erzählung
- Kletterkurs und geführte Bergtouren zu den Gipfeln Hamarøys....eigentlich passierte noch mehr, aber ich GEBE AUF!

Meinem Reisebegleiter tat es aufrichtig Leid, dass er keine Zeit bekam an dem diesjährigen August-Seminar Teil zu nehmen, ein Seminar über Entwicklung in rurale Gegenden mit Ökonomen, Forschern, Manager aus der Wirtschaft, Tourismus und Werbung als Referenten. Ein immens wichtiges Thema, da die Urbanisierung sich über die ganze Welt fort setzt. Dabei kriegen nicht nur die Städte Probleme, auch kleinere Gegenden haben Schwierigkeiten den Spagat zwischen das aufrechterhalten eines modernen Serviceniveaus und immer weniger Einwohner.
Die Gemeinde Hamarøy hat einen "August" Preis gestiftet, der in Verbindung mit dem August-Seminar während den Hamsun-Tagen verliehen wird. Der Preis geht an einem "Initiator", in diesem Jahr an dem Gründer des Kriegsmuseums. Herzlichen Glückwunsch! auch von uns.

Und jetzt kommen wir endlich zu einem der Grundpfeiler der Hamsun-Tage, das literarische Seminar der Hamsun-Gesellschaft:

Das literarische Seminar der Hamsun-Gesellschaft.
"Sie hatten ihren Herzen Nahrung erschaffen. Auch sie hatten Erscheinungen wenn sie ins Land der Phantasie schauten" (Segelfoss By)

”Wege zu Hamsun” lautete der Titel des Seminars, alleine der Überschrift machte mich neugierig, ich sehe vor mir Hamsun wandern - nicht auf eine geteerten Straße - sondern auf einen Pfad mit Spuren von Tiere und Menschen, mit seinen kleinen Papierfetzen in der Tasche, bereit uns Gesellschaft zu leisten mit August, Nagel, Edvarda, Dagny, Johannes, Victoria und diese ganze Galerie von Figuren, die unsere Leben neue Impulse geben wird. Teil zu nehmen ist für mich immer ein Höhepunkt, immer spannend ist es ins Programm zu schauen, bekannte und neue Namen zu entdecken, was Neues wird erzählt, welche Sichtweisen und Wege werden sich zu Hamsun öffnen. Keiner ist wie Hamsun gleichzeitig dermaßen extrem verletzbar und gleich unglaublich selbstbewusst, dieses Spannungsfeld ist bei ihm etwas unbegreifliches und macht es doch so spannend alle Wege zu betreten, der zu ihm und zu seiner Dichtung führen konnten.

Ich werde wie üblich nur Stichwörter zu den hervorragenden Vorträgen geben, später im Jahr erscheint alle Vorträge in einem Buch herausgegeben von der Hamsun-Gesellschaft, hiermit wärmstens empfohlen! Als Mitglied der Hamsun-Gesellschaft bekommt man übrigens das Buch zugeschickt als Geschenk, sonnst kam man es bei der Hamsun-Gesellschaft käuflich erwerben.

Ich hätte gerne Fotos von allen Referenten gezeigt, aber, wie üblich, bin ich kein Profi-Photographin. Eine neue Kamera hat nicht geholfen, ich muss den Auslöser selbst drücken und erspare Ihnen lieber einige der Ergebnisse.

Ein warmes Gefühl im Bauch erschien, als ich die Tür zur Hamarøy-Halle öffnete, ja Wenche und Jorun waren am Platz wie immer.

Anmeldung bei Wenche und Jorun

Hamarøys Bürgermeister Jan-Folke Sandnes hieß uns alle Willkommen nach Hamarøy und betonte die Bedeutung des literarischen Seminars als einer der Trägersäulen der Hamsun-Tage. Er zitierte die bekannten Zeilen aus Hamsuns "Landstreicher" und diese Wörter zu hören im Dialekt des Nordlands war ein besonderes Vergnügen. "Sie redeten und redeten in ihrer sonderbare Nordland-Sprache, es gab viele auffallende Wörter. Es war durch und durch Verkehrt, aber es verlieh ihre Meinungen Ausdruck..."

Jan-Folke Sandnes heißt Willkommen

"Frag jemand, was Liebe ist, so ist sie nicht als ein Wind, der in den Rosen rauscht und dann wieder dahinstirbt. Oft aber ist sie auch wie ein unzerbrechliches Siegel, das das ganze leben jang dauert, bis zum Tode. Gott hat sie in vielerlei Arten geschaffen und hat sie bestehen oder vergehen sehen..." Victoria.

Wir waren hier um Wege zu Hamsun zu ergründen, fangen wir mit Hamsuns eigene Wörter an: Der Festivalerzähler Stein Elvestad ließ aus dem Roman "Victoria" und zeigte einen 5 Minutigen Film mit ihm und eine Fliege als Hauptdarsteller! Ja da erkannten wir Hamsuns Novelle "Eine Fliege" und wir waren dabei...

"Unsere Bekanntschaft fing damit an, daß sie eines Tages, wärend ich saß und schrieb, zu meinen offenen Fenster hereingeflogen kam und einen Tanz um meinen Kopf begann....."

Even Arntzen heißt Willkommen

Der Vorsitzender der Hamsun-Gesellschaft Even Arntzen hieß uns dann Willkommen zu einen Programm der, wie er pointierte, viele unterschiedliche Wege und Meinungen zu Hamsun bot.

Man sitzt da und lauscht Evens herzliches Willkommen und spürt seine Freude daran dieses Hamsun Seminars zu organisieren und dann kommen kluge Wörter zum Gedächtnis, diesmal nicht von Hamsun sondern von Barbara Tuchmann: "Bücher sind Träger der Zivilisation. Ohne Bücher wäre die Geschickte stumm, die Literatur ohne Sprache, der Wissenschaft amputiert, Gedanken und Ideen tief gefroren."

Nils Magne Knutsen mit seinem neuen Werk

Dann kam der Vortrag des Abends, ein Erlebnis worauf wir uns alle gefreut hatten. Keiner kann wie Nils Magne Knutsen uns in die Nord-Norwegische und Hamsun'sche Welt führen. Titel des Vortrages war "Den lange veien hjem: Hamsun og Hamarøy" (Der lange Weg nach Hause: Hamsun und Hamarøy) und sein neues Buch "Knut Hamsun og Nordland. Den lange veien hjem" (Knut Hamsun und Nordland. Der lange Weg nach Hause.) wartete in hohen Stapeln auf uns Käufer. Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Buch: "..Knut Hamsuns barndomshjem, utgangspunktet for et av vår tids store, internationale eventyr. Det er dit vi skal, men hvilken vei skal vi vælge? Som kjent går det mange veier til Hamsun, de fleste av dem grundig asfaltert med bindsterke verk og tung teori - vi har Karl Marx alle`vi har dr. Freuds boulevard, og ikke minst har vi den breie og populære sterkt trafikerte Biografigata...." (Knut Hamsuns Elternhaus, Anfangspunkt eines der großen, internationalen Abenteuer unserer Zeit. Dort müssen wir hin, aber welchen Weg sollen wir wählen? Wie bekannt führen viele Wege zu Hamsun, die meisten gut gepflastert mit vielen Bänden und schwere Theorie - wir haben Karl Marx Allee, wir haben Dr. Freud Boulevard und ins besondere haben wir den breiten und viel befahrene Biographie Straße....) Das Buch ist wärmstens empfohlen!

Der Abend endete mit Champagner und intensive Gespräche über Hamsun, einige von uns setzten die Gespräche fort in Hamarøy Fiskecamping bei dem unglaublichen Gastfreundlichen Inhabern Rita og Hans Petter Christensen.

Vortrag von Karl Erik Harr

Ein neuer Tag und wieder Kaiserwetter! Der erste Vortrag des Tages wurde vom berühmten Bildkünstler Karl Erik Harr gehalten: "Om å illustrere Hamsun" (Über Hamsun Illustrationen). Zusammen mit Bildern aus den 7 Hamsun Romane, die er illustriert hat, ließ Harr wunderschöne Verse und Sentenzen über uns rieseln. Nicht nur ist er ein hervorragender Maler aber auch ein hervorragender Publizist. Er erzählte, dass Hamsun immer bei ihm war sein ganzen Leben lang. Wir bekamen Eindrücke von künstlerischen Prozessen und verstanden seine Freude über und Verbundenheit mit Hamsun.

Der Regisseur Henning Carlsen, ja dann denkt man sofort an den Hungerfilm und das war genau das Thema worüber Henning Carlsen referierte. Sein Thema hieß: "Om å regissere Hamsun" (Über Hamsun Regie). Auf einen Stuhl sitzend ohne Manuskript nahm er uns mit zurück nach 1966, wo der Film Hunger entstand. Ein warmes und positives Erlebnis. Ja, er erzählte nebenbei, dass er auch Pan verfilmt hat aber die Zeit verging, so Pan wartete vergebens in den Kulissen. Haben Sie Lust Henning Carlsen zu hören, dann kaufen Sie einfach den DVD mit dem Film Hunger. Als Bonusmaterial kriegt man 34 Minuten wo er über den Film erzählt.

Henning Carlsen erzählt

Der Autor Frank A. Jensen aus Svolværd/Tysfjord: "Om mit eget forfatterskap og mitt forhold til Knut Hamsun" (Über mein eigenes Werk und mein Verhältnis zu Hamsun). Frank erzählte fließend und engagiert, wie er mit dem Schreiben angefangen hat und über seine Kindheit in Kjøpsvik. Wie wird man Autor, ja zuerst muss man etwas erzählen wollen. Wir waren überall, von der Wichtigkeit dass Fakten auch korrekt sind z.B. wie die Strömung in der Vestfjord lauft, bis zu seine Jugend wo er als Rolling Stones Fan Hamsun zitierte, ein Teil der Popkultur.

"Es sind Viele, die jetzt über die norwegische Sprache und der Rechtsschreibreform schreiben, die Sachlichkeit und der Wicht, Løvland und Anathon Aall, Reichstagsmitglieder und Professoren, Redakteure und Schauspieler. Fast alle sind sich einig, dass wir die Sprache zerstören müssen...." So fängt Hamsun an 1918 in dem Essay "Die Sprache in Gefahr".

Nach dem Mittagessen waren wir bereit uns neue spannende Themen anzuhören. Cand. philol. Jorun Nordmo, Tromsø: "Sproget i fare - Knut Hamsuns syn på Sprogbruk og Språkpolitikk" (Die Sprache in Gefahr - Knut Hamsuns Ansichten über Sprachgebrauch und Sprachpolitik). Hier sahen wir Jorun in einer andere Rolle: Statt Anmeldung und Organisation mit Wenche bekamen wir einen hervorragenden Vortrag über Hamsuns polemische Seiten. Jorun führte auch Beispiele an, wo Hamsun nicht den Inhalt sondern den Sprachgebrauch in Büchern und Artikeln kritisierte.

Die Diskussionen über die spannende Vorträge des Tages setzten sich fort, als wir am Ufer der Glimma in Hamarøy Fiskecamping einen sehr schmackhaften Fischsuppe genossen und unterhalten wurde von rockigen Musik gespielt von Ronald Altinius und Freunde. Ein schöner Abschluß eines intensiven Tages.


Soziales Beisammen sein nach dem literarischen Seminar

Ein neuer Tag und neue Erlebnisse. Cand.philol. Knut Michelsen, Oslo: "Ensom, lidende og genial - et blikk på hvordan den unge Hamsun fremstilles i flere biografier" (Einsam, leidend und genial - wie wird der junge Hamsun in mehreren Biographien dargestellt). Ein spannender Durchgang einiger Biographien und die Mythen die sich durch einige Biographien schleichen. Oft wurde an Lars Frode Larsens gründliche Arbeiten verwiesen, wenn man nach soliden Fakten suchten. Aber wer versucht am meisten zu verschleiern und falsche Fährten auszulegen? Genau, Hamsun selbst. Es wurden auch einige Fotos aus Hamsuns Leben gezeigt.


Henning Carlsen, Kamma Haugan, Jørgen Haugan, Erik Østerrud og Else (v.links)

Dann war Jørgen Haugan am Ball mit einem Vortrag von den ich viel erwartete: "Om å skrive Solgudens fall - kvaler, valg og bortvalg" (Über die Biographie Der Fall des Sonnesgottes - Schwierigkeiten, Optionen und Eliminierung). Und ich wurde nicht enttäuscht. Jørgens Schwerpunkt war die Frage, woher hatte Hamsun Inspiration und Kraft geschöpft um zu schreiben, mit Beispiele wie Hamsun Gefühle, die nicht in Taten benutzt wurden, in Wörter umsetzte.

"Einen Dank für die einsame Nacht, für die Berge, für das Dünkel und des Meeres Sausen, es sauft durch mein Herz! Einen Dank für mein Leben, für mein Atemzug, für die Gnade, heute nacht zu leben, dafür danke ich auf meinen tiefen Herzen..." Pan

Dann war Zeit für den letzten Referenten. Professor Erik Østerud, Trondheim: "Glahn i Arkadia - en lesning av Pan gjennem myter" (Glahn in Arcadia - Pan gelesen durch Mythen). Hier bekamen wir viele Beispiele der Psychologie in Pan, ja es gibt doch sehr viele Wege und Pfade, die zu einer erweitertes Verständnis von Hamsun und seine einmalige Dichtung führen.


Besuch auf dem Hof Kråkmo Kirsten Hedvig mit Per Kråkmo

Nach dem Mittagessen gab es eine Exkursion, diesmal zum Hof Kråkmo. Wir stürmten den Bus und genossen die wunderschöne Natur während der Fahrt. In Innhavet kam Inger Kråkmo an Bord, Per Kråkmos Schwester. Sie erzählte auf der Weiterfahrt, wie man zum Hof kam bevor die Straße angelegt wurde. Man kann es sich Heute fast nicht vorstellen, wie man damals aus Hamarøy ankamen. Zuerst mit Schiff nach Tømmernesset, dann mit Ruderbooten über 3 Seen bevor der Gipfel des Kråkmo auftaucht und der Hof, der wunderschön unter den gewaltigen Berg liegt. Es muss unheimlich inspirierend sein für Hamsun dort zu wohnen in 1916, als er "Segen der Erde" schrieb.


Inger Kråkmo zeigt Fotos von Martine und Per Kråkmo, Hamsuns Wirtsleute

Inger und Per Kråkmo zeigten uns gastfreundlich das Haus und Fotos wie hier das Bild von Martine und Per Kråkmo, Hamsuns Gastgeber, und die erzählen kleine Anekdoten über die Zeit als Hamsun hier wohnte. Im schönsten Sommerwetter standen wir da auf so zu sagen historischem Grund, man hatte das Gefühl Isak und Geißler konnten bald aus dem Wald zurück kommen, ja die Phantasie blüht in Hamsuns Fußspuren.

Inger und Per Kråkmo

" Der lange, lange Pfad über das Moor in den Wald hinein - wer hat ihn ausgetreten? Der mann, der Mensch, der erste der hier war. Für ihn war noch kein Pfad vorhanden. Später folgte dann das eine oder andere Tier der schwachen Spur über Sümpfe und Moore und machte sie deutlicher....." "Segen der Erde".

Ich bin allen so dankbar, die es möglich gemacht haben, mit erneuerten Energie und erweiterten Horizonten wieder nach Hause zu fahren mit Lust die bekannten Bücher nochmals zu lesen und ein bisschen mehr zu verstehen von dem großen, genialen Verfasser und dem Mensch dahinter, Knut Hamsun.

Und Knut Hamsuns Geburtstag am 4.August wurde natürlich begangen, schön und würdevoll. Wie immer trafen wir uns alle an der Büste am Elternhaus in Hamsund, wo Tove Karoline Knutsen über Hamsuns Wege und Wege zu Hamsun sprach und aus "Frühling über der Erde" und letzte die Strophe aus "Die Schäreninsel" ließ, während Pan uns mit seiner Flöte verzauberte.


"So spiele denn, Lenz, auf der Erde! Zur großen Musik der Natur gesellt Mein Dank.."

Als Zugabe zu diesem enormen Programm haben wir Zeit gehabt die phantastische Natur Hamarøys zu genießen, wir haben Seeadler jagen sehen, besuchten Hamsuns Elternhaus, wir haben Kaffee und lokale Spezialitäten gekostet, wir haben Wein und frischem Fisch genossen aber am meisten haben wir genossen die enorme Gastfreundlichkeit und Freundschaft - Inbegriff Nordnorwegischer Art - mit der ALLE hier uns begegneten, wir haben neue Freunde bekommen und warme Wiedersehen mit alten Freunde gehabt, mit denen wir mehrere Hamsun-Festivals geteilt haben und diese Freundschaften sind wohl das Wichtigste von allem!


© Kirsten Hedvig Rasmussen www.hamsun.at