Hamsun Tage auf Hamarøy 2004.

Die Sonne steht da und leuchtet und leuchtet immer weiter,
Stunde um Stunde, Tag und Nachts (Benoni)

Ja, die Sonne schien während den diesjährigen Hamsun Tagen auf Hamarøy. Nordnorwegen hatte Europas feinstes Sommerwetter während des Festivals. Wer schon den ewigen Tag des Nordlandsommers erlebt hat, weißt unter welchem Zauber man sich in Hamsuns Reich befindet, mitten im besten Hamsun Festival zusammen mit anderen enthusiastischen Einheimischen und Zugereisten Hamsun Liebhabern. Es konnte schwierig sein, zwischen 23 Stunden Sonnenschein am Tag und die unzählige Veranstaltungen, die wir zwischen 30. Juli und 8. August angeboten bekam, zu wählen.

Die traditionelle Eröffnungsfeier fand wie üblich vor Hamsuns Hof Skogheim statt. Asbjørn Hopland vom Hauptkomitee hieß Willkommen an um die 300 Gästen, die den Platz zwischen Skogheim und Rathaus einnahmen. Der neue Bürgermeister von Hamarøy Jan-Folke Sandnes hieß Willkommen mit Wörtern aus dem alten norröne Sage Havamal und sprach vertrauensvoll von Zukünftige Herausforderungen gesehen in der Perspektive von der Jahrhunderte alte Ansiedlung auf Hamarøy und die gute zusammenleben von Stadt und Land und er hatte zum Anlass selber ein Gedicht verfasst, das in den offiziellen Programmen wiedergegeben ist. Auch von Nordlands Fylke und von der norwegische Regierung waren Grüße überbracht von fylkeskulturchef (Kulturbeauftragten von Nordland) Stig Olsen und von statssekretær (Minister im Kanzleramt) Arnfinn Ellingsen, die beide zu Ausdruck brachten welcher Bedeutung die Hamsun Tage auf Hamarøy haben nicht nur örtlich aber überhaupt in Norwegen und die Bedeutung Hamsuns für das Ansehen Norwegens im Ausland. Besonderes erfreulich war zu hören, welcher Unterstützung das kommende Hamsun Zentrum auf Hamarøy von den beiden da bekam. Man steht jetzt unmittelbar vor Baustart.
Die Eröffnung wurde musikalisch schön umrahmt vom Hamarøy Blandakor (Chor), der Hamsun Gedichte zur Musik von Arve Heloy sang und von der Pianistin Ljuba Jacobsen, die Rachmaninov und Strauss spielte.
Danach wurden die Künstler präsentiert, die in diesem Jahr ihre Bildkunst, Skulptur, Glaskunst usw. in Skogheim, Stall des Pfarrhofes und im Freilicht Museum ausstellten und die Kunstausstellungen wurden vom Leiter des zukünftigen Hamsun Zentrums Alf-Einar Øien eröffnet. Øien sprach über Künstlerleben in Hamsuns Werken und über Hamsuns Dichtung, die oft visuelle Bilder in der Phantasie des Lesers hervorruft.


Asbjørn Hopland Jan-Folke Sandnes Hamarøy Blandakor

In diesem Jahr wurden die Hamsun Tage wenn nicht dominiert, dann doch getragen von starken und kompetenten Frauen. Das Literaturseminar der Hamsun Gesellschaft hatte "Hamsuns Frauen" als Titel, bekannte Künstlerinnen wie Regine Hamsun (Knut Hamsuns Enkelin) und Ingun Dahlin stellten ihre Werke aus und besonderes die Konzerte hatten spannende weibliche Hauptakteure.

Zu einer der besten Konzerte wurde die Eröffnungskonzert "Barokk i sommertid" (Barock im Sommer), wieder in diesem Jahr in der gedrängt volle Hamarøy Kirche. Erica Toth und ihre 10 Musiker und die phantastische Sopranistin Catherine Bott gaben Barockmusik wie Sie es wahrscheinlich selten zu hören bekommen: 1.Violinist Erica Toth wußte genau was sie wollte und gab uns Musik wie neuere Forschung meint es zur damaligen Zeit geklungen mag: direkt, aggressiv, etwas "rau". Außerdem wurden Komponisten gespielt, die man nicht jedem Tag hört, die aber Qualitäten haben die unsere "Üblichen" oft übertreffen. Die Musik wurde elegant und charmant umrahmt von Erica Toth, die Fakten und Anekdoten zur Zeit, Komponisten und Werken erzählte. Wer Erica Toth und die Gruppe Arctimus während den letzten Hamsun Tagen hörte, freute sich sehr über das Wiedersehen. Aber dabei blieb es nicht - nach andere Konzerte u.A. im Dom zu Trondheim, Nidarosdomen, kam Arctimus als Trio zurück und gab ein Lyrik/Musikprogramm "Samtaler med gress i Hamsuns rike" (Gespräche mit Gras im Reiche Hamsuns), wo Eivor Bergum ihre Gedichte las abwechselnd mit Musik von Edvard Grieg über Schostakowitsch bis Arne Nordheim. Das können die auch! Sehr stimmungsvoll, da der Konzert im Stall des Pfarrhofes mitten zwischen Regine Hamsuns sehr sensuelle Bilder statt fand.


Erica Toth und Arctimus in Hamarøy Kirche ... und im Stall des Pfarrhofes

Damit Sie noch nicht aussteigen, will ich nur einen Resümee geben von was sonnst alles musikalisch passierte. Es ist wirklich unglaublich was die Hamsun Tage so anbietet während diese 10 wunderschöne Tage: Für Soul und R&B Fans wurden die Soulqueen Noora und Band die Hauptattraktion. Noora spielte im Mehllager - wirklich eine spannende Halle für Konzerte. Gro Siri Ognøy mit Band spielten Hamsun Gedichte zu eigener Musik in der Hamsun Galerie und in Hamarøy Kirche (wir befanden uns zwar in der Kirche, aber wegen der Hitze - Sommer in Nordnorwegen - hatten wir das Gefühl ein Stockwerk tiefer zu sein), wir hörten Lieder mit Tore Hestbraaten, Jack Berntzen und Band, Karoline Krüger, Rock mit Panzer, Folkrock aus Lettland mit Ilgi, Litauens populäre Jazzband Pulauskas, Mitternachtskonzert auf dem Leuchtturm, die Kindervorstellung "To be or not tuba", Jam, lokale Rockbands im Schwimmbad, bekannte Opernarien mit Opera Nord im Pub am Campingplatz, 12 verrostete Saiten mit 2 verrosteten Herren Paus und Fjeld, um Hellbillies nicht zu vergessen, die folkloristisches spielten im schönsten Open Air Szene am Gezeitenstrom Ness straumen. Ja, es gab wirklich etwas für Jeden mit Ohr für Musik und Erlebnisse.


Vor dem Konzert ...

Das zweite große Konzerterlebnis wurde für meinen Reisebegleiter die Aufführung des Auftragswerkes für die Hamsun Tage. Die Hamsun Tage hat ja einen Faible für außergewöhnliche "Konzertsaale". Im vorigen Jahr saßen wir unter Hamarøyskaftet, dem Hausberg Hamarøys, in diesem Jahr in einem Steinbruch! Stellen Sie sich einen Pfad vor, wo Leute aus flachen Dänemark mit ihrem Auto niemals fahren würden: Hier wurden wir mit dem Bus 11 Uhr nachts hinaufgefahren, hatten Zeit die Aussicht 900 Meter tief über dem Meer zu genießen mit Sonnenuntergang bevor wir Platz fanden auf Steine oder auf dem Boden im Steinbruch. Das Werk war Heuer Jazz und Fusion geprägt aber mit klassischem Passagen abgelöst von Tempiwechsel mit Erinnerungen an Richard Strauss aber auch an folkloristischen Themen. Ein großartiges, mitreißendes Werk brillant gespielt vom Komponisten Jan Gunnar Hoff und seine Musikern! Und als Zugabe, als der Konzert Schluß nahm, stieg der Mond und spiegelte sich im Wasser tief unten bis die Sonne begann den Horizont wieder zu erhellen um 2:30 Morgens als der Bus uns wieder in der Stadtmitte absetzte. Wirklich ein Erlebnis die man nie vergisst!


Von der Uraufführung des Auftragswerkes im Steinbruch in Finnøya

Wie immer waren die Kunstausstellungen von hoher Qualität:

Regine Hamsun hatte gewünscht ihre Bilder im Stall des Pfarrhofes zu zeigen, eine gute Wahl, da das Lokal sehr gut kontrastierte mit ihre leichte und feine Linien und mit einer spannender Aufhängung, so dass man die Bilder nicht nur von Vorne ansah sondern zwischen den Bildern gehen konnte wie im Wald oder unter Wasser zwischen Meergras. Es freut mich sehr, dass sie so gut verkaufte - ja ein Bild war schon in Oslo verkauft worden und kam gar nicht in die Ausstellung.

Regine Hamsun

Ingun Dahlin stellte ihre warme und starke Frauenskulpturen im Freilicht Museum aus. Ihre Plastiken sind wirkliche Frauenideale von Heute, Jahre 2004: Starke, schöne und selbstständige aber gleichzeitig sensitive und vielseitige. Und das kam an beim Publikum! Es ist so erfreulich, dass gerade dieses Frauenideal populär ist - wenigstens in Skandinavien - und nicht die altmodische Ehe- und Hausfrau Ikone. Die Zukunft wird besser! Ingun hat es wirklich verdient so viele Besucher und so guten Verkauf zu haben.
Übrigens kann ich erzählen , dass Die Goldmaske - wir gaben ihr die Name Edvarda - wohlbehalten mit uns nach Süddeutschland kam, wo sie jetzt versuchen wird, Skandinavische Frauenansichten zu verbreiten.


Ingun Dahlin

Es ist wunderbar wie die alte weiß getünchte Ställe im Freilicht Museum zu zeitgenössischer Kunst passen. Neben Ingun Dahlin stellte die Gruppe BLÅST Glas in moderne skandinavischem Design aus.

Darüber auf dem Heuboden fanden wir noch einer von unseren Favoriten, der Nordnorweger Hugo Aasjord. Besonders sein Plastik "Sarg" fanden wir interessant, kamen mehrmals hier, bekamen viele Assoziationen die Anlass an viele (fanden wir selber) Tiefsinnigkeiten gaben, aber auch sein Bildkunst war spannend und fordernd. Hier muss man sich stellen. Ich hoffe sehr sein Kunst wieder zu sehen. Er ist ja glücklicherweise auch international bekannt.

Hugo Aasjord

Von norwegischen zu internationalen Künstler: Deutsche Hermann Naumann zeigte seine Illustrationen zu Hamsuns Bücher. Gleichzeitig mit Hamarøy stellte er auch in St. Petersburg aus, er sagte doch, dass das schönste Geschenk zu seinen Geburtstag war ausstellen zu können auf Hamsuns Hamarøy und sogar in selben Gebäude wie Hamsuns Enkelin Regine Hamsun. In der DDR waren Naumanns Illustrationen beitragend zu Hamsuns Popularität und mehrere schöne Bücher mit Naumanns Illustrationen wurden heraus gegeben, aber nach der Wiedervereinigung gibt es ja hier kein Geld mehr für Kunst aus dem Osten der Republik. Wirklich Schade, was uns hier entgeht!
Auch viel Lob an Dr. Schöffel, der Naumann auf Hamarøy vertritt, erzählte und Videos über Naumann zeigte, da der Künstler selber nicht mehr reist. Die Aufseher erzählten alle, das Publikum sehr viel Zeit in der Ausstellung verbrachte.


Hermann Naumann

Interessant und sehenswürdig waren auch die Ausstellungen der anderen Künstler: Borgny F. Svalastog, Marianne Lien, Hanne Borchgrevink, Tore Hansen, Christine Istad und Aino Hivand mit Ausstellungen im Freilichmuseum und auf Hamsuns Hof Skogheim. Nicht weniger sehenswert war die Photogruppe Hege Larsen, Lene Imbsen und Beatrice Tufvesson mit ihre Ausstellung in Minutten Café. Eine frische, schöne und außergewöhnliche Serie Photos, die eindrucksvoll die gute Ausbildung, die fundierte technische Qualitäten und die klar observierende Augen der Gruppe bescheinigte. Wir wünschen viel Glück in das neue Studio in Sagene in Oslo, wo die Gruppe kommerzielle Aufträge annimmt und auch künstlerisch arbeiten wollen. Auch vielen Dank für die gelungene Vernissage. Kontaktieren Sie die Gruppe via E-Mail: beatricetufvesson@hotmail.com oder hegetouch@hotmail.com .


Hege Larsen, Lene Imbsen und Beatrice Tufvesson

Auch die privaten Galerien hatten sich viel vorgenommen: Die Hamsun Galerie - in dem alten Kaufladen wo Hamsun arbeitete - hat leider nicht mehr Karl Erik Harrs Hamsun Illustrationen, hat aber zum Glück spannende Künstler gefunden, die in dem traditionsreichen Gebäude passen. Dem Eigentümer, Stein Thorbergsen, ist die Olavsrose verliehen worden für seine feine und feinfühlige Erhaltung des Gebäudes. Wirklich verdient - herzlichen Glückwunsch!
Tranøy Galerie, wo Tor Arne Moens Hamsun Illustrationen gezeigt werden, hatte auch Platz gefunden für Eva Harrs spannende über-realen Drucke, die sich sehr gut verkauften, und für moderne Glaskunst. Hier muss man sich also Zeit nehmen Kaffee und hausbackenen Kuchen zu genießen, mit der Inhaberin Kirsti Kalstad zu sprechen und die Aussicht Richtung Lofotenwand zu bewundern. Hier ist einfach wunderschön!
Die Postfiliale auf Hamarøy ist, wie in so viele Orten, geschlossen worden - weniger Angestellte und größere Gewinne an die Aktionäre ist ja das aller wichtigste, nicht die Service für den Bürgern - aber da man so ein Gebäude nicht einfach leer stehen lassen können, nahmen Ortsansässige die Initiative und eröffnete die Hamarøy Galerie. Es ist ein Erlebnis Kunst im Tresor zu betrachten!

Neu auf den Hamsun Tagen sind Filmvorführungen. In Zusammenarbeit mit Norsk Film Institut (Norwegens Nationale Filminstitut) zeigte man Verfilmungen von Hamsuns Romane und Drama Dokumentarisches zu Hamsun, Kurioses von eher Film geschichtlicher Interesse aber auch qualitativ hochwertige Filme. Jan Erik Holst vom Filminstitut referierte über die Entstehung der Filme, deren Verschwinden und wieder Entdeckung. Zufall und harter Archivrecherche. Er erzählte auch von den Schwierigkeiten an der Verfilmung von Hamsuns Romane (dieselben Aspekte sind wahrscheinlich präsent bei Inszenierungen von Hamsuns Schauspielen). Holst machte auch die Vorankündigung einer Aufführung in März 2005 in Oslo von "Segen der Erde" mit der originale Filmmusik, die gerade wieder entdeckt worden ist in den Archiven des National Bibliotheks. Diese Filmreihe auf dem Heuboden im Pfarrhof wurde sehr gut besucht und die Hamsun Tage wiederholt hoffentlich die gute Initiative in zwei Jahren bei den nächsten Hamsun Tage auf Hamarøy.

Was war sonst los: Ja, Hamarøy Theater machte "Aben-tour", der Kirch Pfad von Hamsund und Hamsuns Elternhaus zur Kirche wurde wieder eröffnet mit Führungen und Lesungen, Markttage in mehrere Ortschaften der Gemeinde, Wanderungen mit Lesungen in Hamsuns literarische Landschaft, Gottesdienst im Garten bei Hamsuns Elternhaus, geführte Kletterpartien und Bergsteigen an den Hausbergen Hamarøys, Literarisches Cafés, ein Tourismus Seminar für Politiker und Wirtschaftsleute über Marketing und Entwicklung Markenartikel, Tanz auf den Kaien in den Häfen Hamarøys, Volksfesten, Segelregatta, Animationswerkstatt für Kinder, Segnung einer Modell der alten Hamarøy Kirche, Liederabende und - nicht zu vergessen: Die traditionelle Ausstellung der Amateurkünstler in der Schule und im Schwimmbad. Es ist ein Vergnügen zu sehen, wie die Kreativität blüht wenn Menschen sich mit etwas aus Leidenschaft beschäftigt.
Kulinarisch war auch was los: Vielerorts wurden einheimische (und für uns Zugereiste ziemlich "interessante") Spezialitäten angeboten wie zum Beispiel Heringsgrießsuppe, møsbrømlefser (unübersetzbarer Variante von Crêpes), Baccalao, Dorsch Zungen.... Besonderes schön war es für mein Reisebegleiter auf Buvåg in der alten Postfiliale am Kai. Es ist sein Lieblingsort auf Hamarøy, ein echter Geheimtip.
Spaß zur Seite: Wir haben sehr gut auf Hamarøy gegessen! Es ist so stimmungsvoll im Restaurant Fiskecamping zu sitzen, gegrillten Lachs zu Essen oder Rentier Steaks und die Aussicht über den Gezeitenstrom Glimma zu genießen während die Sonne absolut nicht untergehen möchte oder im Restaurant Gjestegården oder im Minutten Café oder oder....

Ein sehr stimmungsvolles Erlebnis wurde auch - erzählt mein Reisebegleiter während ich die seriösen Vorträge im Literaturseminar aufmerksam zuhöre - ein Segel törn mit den alten Segelkutter Goxsheim unter dem Tilthornet und draußen auf dem Vestfjorden und da die Stille auf dem Meer zu lauschen mit Blick auf den Lofoten oder einen Blick auf Norwegens berühmtestes Berg Stetind zu ergattern, nach Delphine zu suchen, hausgemachte Waffeln zu genießen, Gespräche mit Siv und die unglaublich sympathischen Eigentümer der Goxsheim Charles und Natasha zu führen und mit Lenin zu schmusen (also dem Schiffskater - er ist auch rot!). Hätten Sie Lust zu fischen, Walbeobachtungen (Orcas!) oder mehrtägigen Segel törns zu machen oder einfach diese phantastisch schön restauriertes, gepflegtes und spannend eingerichtetes (Sauna inklusive!) Schiff zu genießen, dann sehen Sie sich unbedingt die Internetseite an (auch Deutschsprachig): Aurora Borealis .


Schiffskater Lenin im Schatten Relaxen an Bord s/s Goxsheim

Und dann kam der wichtigste Tag: 4. August, Knut Hamsuns Geburtstag.

Wieder warm und schwül! Jetzt fangen die Aktivitäten richtig an. In zusammen Arbeit mit dem Zentrum für Lulesamischer Kultur in Arran wurde ein Versöhnungskonferenz veranstaltet, vom Rolf Steffensen und dem Schriftsteller John Gustavsen geleitet. Der Präsident des samischen Parlamentes Sven-Roald Nystø und die Leiterin des Riddu Riddu Festivals (bedeutender Festival ethnischer Kulturen) Lene Hansen beleuchteten mit Bezug auf sowohl Hamsuns Romane als auch der politische Alltag in Norwegen, die Verhältnisse zwischen der samische und der "südnorwegische" Bevölkerung. Der Bürgerrechtler Dr. Mike Adams aus Südafrika teilte mit uns seine Erfahrungen aus den Kämpfen für Wahrheit und Aussöhnung in Südafrika. Dieser Konferenz ist eine hervorragende Initiative und leider tragisch Aktuell: Überall auf der Welt sind die Barrieren zwischen Menschen und Bevölkerungsgruppen in den letzten Jahren eher größer geworden infolge von ungehemmten ökonomischen Interessen.
Aussöhnung ist dabei nicht eine Frage ob Hamsun sich herablassend über "Lappen" äußerte (was er ja auch tat - an andere Stellen äußerte er sich positiv, wie er auch negatives und positives über "Südnorweger" schrieb - Hamsun ist nie Eindeutig), Aussöhnung ist praktischer Arbeit überall auf der Welt wo Menschen durch Krieg oder Ausbeutung getrennt worden ist.


Rolf Steffensen Sven-Roald Nystø

Weiter von Versöhnung zur Jahreshauptversammlung in der Hamsun Gesellschaft. Hier wurde u.A. der Vorstand gewählt, Even Arntzen wurde als Vorsitzender wiedergewählt und ich wurde in den Wahlkomitee gesetzt. Der Vorstand konstituiert sich selber und wenn das geschehen ist können Sie näheres hier lesen.

Und dann zu der traditionelle Lorbeer Bekränzung der Hamsun Büste am Elternhaus. Even Arntzen hielt eine noble und persönliche Rede und legte einen Kranz nieder. Mitten im schönsten Sommerwetter mit vielen Menschen überall sitzend und stehend wurde es ein stimmungsvolles Erlebnis. Die Rede können Sie hier in extenso lesen: Geburtstagsrede (nur in norwegischer Sprache).
Anschließend wurde die Monologe "Kostümen" von Brigitta Eidissen im Hamsun Café aufgeführt. Es wurde viel gelacht beim Besuch im Schneidersaal hinter den Kulissen. Die Monologe lehnt sich der Vorstellung vor zwei Jahren "Ein Handvoll Hamsuns Frauen" von Lilian Selvik an und nicht weniger amüsant wurde es da jeder wußte, dass Eidissen wirklich die Kostümen damals gemacht hatte.



Knut Hamsun, Even Arntzen und Hamsuns Frauen

"Dem Leben gegenüber muß man sich benehmen wie gegenüber einer Frau. Muß man nicht Galant sein und Ihr den Vorteil lassen? Man muß nachgeben und alle Schätze liegen lassen. (Rosa)

DAS LITERATURSEMINAR DER HAMSUN GESELLSCHAFT: "Hamsuns Frauen" war das Thema des Seminars, hier Teil zu nehmen ist für mich jedes Mal der absolute Höhepunkt.
Ich werde nur Stichwörter zu den Themen in den hervorragenden Vorträgen geben, später im Jahr werden alle Vorträge in einem Buch von der Hamsun Gesellschaft publiziert. Kann ich nur empfehlen (ist man Mitglied in der Hamsun Gesellschaft bekommt man das Buch umsonst).
Ingar Sletten Kolloen nahm uns mit auf einer Wanderung, nein nicht zu den weiblichen Romanfiguren, sondern zu Hamsuns wirklichen Frauen, wo Kolloens Hypothese ist, dass weil die Mutter zeitweise krank war und den jungen Knut zurück wies, gab es bleibende Spuren in seinem Frauenbild für den Rest seines Lebens. Ein hervorragender Vortrag, der Anstoß zu vielen Gedanken gab!!
Aber zuerst zu etwas so Außergewöhnliches wie eine neue Ausgabe von Knut Hamsuns erster Roman "Den Gaadefulde" (Der Rätselhafte). Das Buch wurde vorgestellt und ein Exemplar überreicht an Leif Hamsun, der sich herzlich bedankte. Das Buch war nie in den gesammelten Werken aufgenommen, so nicht Viele kennen es, bestimmt ist es keines von Hamsuns besten Werken. Tor Valle lies aus dem Buch und die Gemüter erwärmten sich schon da auf Hamsunscher Weise.
Henny Moan lies aus Hamsuns Gedichte - "...und die Nacht ist das Leben und die Frau ihr Herrscher..."
Dann gabt es wieder die Möglichkeit der Monologe aus dem Schneidersaal zu hören, bevor wir uns über Wein und Snacks unterhielten bis einige von uns den Abend am Restaurant Fiskecamping beendete mit Essen und Gespräche bis ein Paar Stunden nach Mitternacht.


Even Arntzen Ingar Sletten Kolloen

Um 9.15 fing noch ein schöner Tag mit Ellen Mortensen aus Bergen an, das Wetter ist unglaublich warm aber wir waren gut aufgelegt um über "Edvardas lunefulde begær" (Edvardas launenhafte Verlangen) klar und inspiriert vorgetragen. Ja, Hamsuns Frauengestalten sind unheimlich interessant
"Godaften, Edvarda! sier jeg endnu en gang, utslitt av lykke. Hvor du er glad i mig, hvisker hun. Hvor jeg kan være taknemmelig! svarer jeg. Du er min og mit hjerte ligger hele dagen stille i mig og tænker på dig. Du er den skjønneste pike på denne jord og jeg har kysset dig. Ofte blir jeg rød av glæde når jeg bare husker på at jeg har kysset dig." (Pan)
(Guten Abend, Edvarda! sage ich noch einmal abgebraucht von Glücksgefühle. Wie du mich doch magst, flüstert sie. Wie bin ich Dankbar! antworte ich. Du bist mein und mein Herz liegt still den ganzen Tag und denkt an dich. Du bist das schönste Mädchen auf dieser Erde und ich habe dich geküsst. Oft werde ich rot vor Freude wenn ich daran denke, dass ich dich geküsst habe. Pan)
Ein charmanter Franzose, der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Pierre Grouix bezauberte mich mit seinem Vortrag über "Edvarda, Dagny og hendes andre Hamsunske søstre" (Edvarda, Dagny und ihre andere Hamsunsche Schwestern) aus französischer Sicht. Pierre spricht norwegisch, hielt aber seinen Vortrag auf englisch.
Die Letzte bevor der Mittagspause war energische Ane Rørtveit Jessen, die einen sehr interessanten Beitrag über "Ane-Marie-skikkelsen i August-trilogien" (Die Ane-Marie Gestalt in der August Trilogie) gab. Die frühere Beurteilung der Ane Marie waren von stereotypen Ansichten bezüglich Hamsuns Frauengestalten geprägt. Vielleicht gerade weil Ane Marie eine weibliche Nebenfigur ist, hat keine sich um die Qualitäten gekümmert, die Hamsun in ihr gelegt hat und auch keine Aufmerksamkeit den zwei Stimmen im Roman geschenkt. Alle haben einseitig den impotenten Ehemann und die kollektive oberflächliche und falsche Vorurteile des Dorfes akzeptiert. Es scheint keiner zu merken, wie dieses Urteil wieder und immer wieder von den "eigentlichen" Erzähler des Textes untergraben und widerlegt wird. Eine sehr spannende und neue Sichtweise, die zu viel Nachdenken animierte.
In den Pausen summte es vor Leben und Hamsun Gespräche, ich liebe es einfach daran Teil zu nehmen.
Der Schriftsteller Ragnar Hovland erzählte "Om mit eget forfatterskab og mit forhold til Knut Hamsun" (Über meine eigene Verfasserschaft und mein Verhältnis zu Knut Hamsun). Er gab zu, dass er nicht alles von Hamsun gelesen hat z.B. nicht "Segen der Erde" und dieses Buch würde er auch nie lesen! Das kann man ja ein Standpunkt nennen. Sonnst hatte er ein feines und nuanciertes Verhältnis zu Hamsuns Werke. Es gibt viel frischer Wind in Hamsuns Bücher, Hamsun ist ein Autor, der mehr sagt als er beweisen kann und solche Autoren sind immer interessante zu lesen. Hamsun ist ein unbequemer Schriftsteller, er ist sein eigener Tradition und hat als solches Autorität und kann so laut sprechen, dass er den Raum bekommt den er einfordert. Ein sehr interessanter und guter Vortrag, der mir Lust gab, Ragnar Hovland zu lesen.
Während der Konzert in der Kirche mit "Det vilde kor" (Der wilde Chor) war es so heiß, dass wir förmlich an die Stühlen klebten! Ein prachtvolles Erlebnis, aber "wilde" waren wir bestimmt nicht nachher, wir hatten eher das Gefühl Hamsun schöne Texte in der Sauna gehört zu haben.


Ellen Mortensen Pierre Grouix

Das Wetter hat sich etwas geändert, Wolken nähern sich, aber es ist noch heiß.
Wieder ein spannender Vormittag mit "Hamsuns Frauen". Britt Andersen aus Trondheim hat hervorragende Ansichten dies bezüglich. Ihr Vortrag hieß "Hamsun og den nye kvinnen" (Hamsun und der neue Frauentypus). Sie sieht Hamsun als der größte Romancier aller Zeiten, er ist Modern und fängt alle Nuancen ein. Hamsun fürchtet die Feminizierung des Mannes, er war von der neuen Frau fasziniert aber er schrieb gegen ihr. Britt selber ist eine hervorragende Referentin, was das Ganze noch interessanter und genießbarer machte.
Robert Ferguson, dieser Engländer der sich Norwegisch beigebracht hat um Hamsun in der Originalsprache zu lesen und über ihn zu schreiben (er wohnt jetzt in Norwegen seit 20 Jahren), seine Biographie über Hamsun mag ich sehr, sprach über "Kvinneskikkelserne i Hamsuns noveller" (Die Frauengestalten in Hamsuns Novellen): "Man går ikke til kvinden for at blive vis" (Man geht nicht zu einer Frau um weiser zu werden).
Gil de Carvalho aus Portugal referierte in englischer Sprache über: "Hamsun and Hamsun's female figures from a portuguese perspective" (Hamsun und Hamsuns weibliche Protagonisten aus einer portugiesischer Perspektive). Ich wünschte mir, dass wir alle hätte Portugiesisch sprechen können und dabei die poetische Stimmung, die ich hinter dem Vortrag spürte, mitbekommen konnten.


Britt Andersen Robert Ferguson Gil de Carvalho

Was passierte dann, ja ich kann es immer noch nicht ganz fassen, denken Sie sich: ich bekam das Stipendium der Hamsun Gesellschaft über 30.000 Nkr. für meine Arbeit und meine Hilfsbereitschaft. Was für ein Gefühl! Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas erleben sollte.


Even Arntzen verleiht das Stipendium der Hamsun Gesellschaft an mir

Draußen hatte Petrus den Kran aufgedreht und es donnerte auf dem Dach. Während der Mittagspause erzählte Alf Einar Øien über dem geplanten Knut Hamsun Nationales Erlebnismuseum. Spannende Pläne wurden uns geöffnet!!


Ehrengäste der Hamsun Tage: Toril und Leif Hamsun und Regine Hamsun ....und das treue Publikum

Ein Bus wartete jetzt um uns nach Tranøy zu fahren mit Führung. Ich war noch so überwältigt über das Stipendium, dass ich mit meinem Reisebegleiter selber nach Tranøy fuhr, kein Regen mehr, die Sonne winkte uns freundlich zu. Kaffee, Schokolade Torte und ausspannen bei Kirsti Kalstad in Tranøy Galerie waren was wir dringend benötigten. Dann ein Spaziergang am Hafen und Ausblick Richtung den wunderschönen Berge des Lofoten Wands brachte mir langsam zurück zur Erde und ich bekam wieder Kontakt mit mir und mit meinen Umgebungen. Als Abschluß des Literaturseminars waren alle eingeladen zu einem Treffen zwischen 5 italienischen und 2 norwegischen Autoren und dem Publikum. Die Themen waren Frauenidentität und Natur als Inspirationsquelle in der Kunst. Das Treffen war in Zusammenarbeit zwischen dem Auswärtigen Amt Norwegens und dem italienischem Casa delle Letterature veranstaltet. Auch in Tranøy gelegt, eine feine und hervorragende Idee. Hier haben wir es nicht geschafft dabei zu sein: Wir waren zu müde nach den starken Ereignissen.

Es war so traurig wieder abreisen zu müssen nach diesen Erlebnissen und das Zusammensein mit offenen und engagierten Menschen. Es wird schwierig die nächsten zwei Jahren zu überbrücken bis die nächsten Hamsun Tage in Hamarøy!
Es war einfach ein riesengroßes und tolles Programm, das Ihr uns da in Hamarøy boten und wir hoffen, dass Ihr Lust und Energie habt es zu wiederholen in zwei Jahren. Es ist phantastisch mit so vielen Veranstaltungen - alle können sich ja nicht für dasselbe interessieren, jüngere und ältere gehen vielleicht nicht immer in den selben Konzerten - falls einige Veranstaltungen sich zeitlich überlappen muß man wählen können. Die Mannigfaltigkeit dieses Festivals ist gerade seiner Stärke und was es so außergewöhnlich macht.
Wir können Hamarøy nicht genug für Gastfreundschaft und Freundlichkeit danken: Den Organisatoren (Knut Erik Høiby, Asbjørn Hopland), den Mitarbeitern des Sekretariats im Rathaus (Bodil Standal), dem Vorsitzenden der Hamsun Gesellschaft und Leiter des Literaturseminars Even Arntzen für den excellenten Seminar und ins besondere den (300!) Freiwilligen der Gemeinde Hamarøy und anderen, die ihre freien Stunden und Tage opferten damit alles klappen konnte.
Es ist so wenig sich auf diese Weise zu bedanken, aber ich hoffe, dass Ihr alle in Hamarøy weißt, was Ihr bedeutet habt für uns Besucher!

Einfach Klasse!


© Kirsten Hedvig Rasmussen www.hamsun.at