Hamsun Tage 2000.

Seit 1982 finden alle zwei Jahre auf der Insel Hamarøy in Nordnorwegen, wo Knut Hamsun zwei wichtige Perioden seines Lebens verbrachte und wo er Inspiration für seine Werke fand, HAMSUN-TAGE statt.
In diesem Jahr war es also das zehnt Mal und was war das für ein Programm! Vom 4. bis zum 13. August wurde viel geboten: Natur und Kultur - Kunstausstellungen, Konzerte, Theater, Essen, Lesungen, Seminare. Während dieser Tage wurde auch das Literaturseminar der Hamsun-Gesellschaft abgehalten. Das ganze Festival wurde von nationalen sowie internationalen Medien beachtet. Besondere Berichterstattung wurde von
Nordlandsposten geleistet.

Knut Hamsuns Geburtstag:
Knut Hamsuns Geburtstag, der 4. August wurde mit einem Treffen an der Gedenkbüste in Hamsund, nahe dem Elternhaus, gefeiert. Hier hielt Leif Hamsun, der Enkel Knut Hamsuns, begleitet von seiner Tochter Cecilie eine sehr persönliche und würdige Ansprache und legte Blumen nieder. Ein Großteil der Gäste benutzte den sonnigen Tag für einen Besuch von Hamsuns Elternhaus, vom Café im alten Versamlungsgebäude sowie der Schule, die Knut Hamsun (vielleicht) besuchte.

Karl Erik Harr:
Die Hamsun-Galerie war zum Bersten voll, um Karl Erik Harr zu huldigen: Zum erten wegen seines runden Geburtstages, zum zweiten des 10-jährigen Jubiläums der Hamsun-Tage wegen. Harr ist der bekannteste Hamsun-Buchillustrator, seine Werke zieren die Hamsun-Galerie UND er ist einer der Initiatoren der Hamsun-Tage. Mehr als ausreichend als Anlass für Lorbeerkrönung sowie Ansprachen von der Gemeinde Hamarøy, Freunden und Menschen, denen er geholfen hat, Fuß auf Hamarøy zu fassen. Er ließ es sich nicht nehmen, selbst für die Unterhaltung zu sorgen, indem er die Texte zur Musik Bremnæs´ lieferte, sang und eigene Gedichte zum Besten gab. Ein großzügiger Mensch, der lieber gibt als empfängt.

Kunstausstellungen und mehr:
Eingeladene Künstler zeigten Arbeiten von sehr hoher Qualität in verschiedenen Materialien, von Ölbildern über Glas- und Schmuckkunst bis zur Fotografie. Die Arbeiten waren mit viel Gefühl im Knut- Hamsun-Hof Skogheim, im Freilichtmuseum oder in der Kirche zu Hamarøy ausgestellt. Viele kleine rote Aufkleber zeugten von gutem Verkauf. Wohlverdient! Ich konnte mich auch nicht beherrschen, ein paar dieser Arbeiten haben ihr Zuhause bei uns in Süddeutschland gefunden.
Die privaten Galerien waren selbstverständlich auch geöffnet. Wenn Sie nach Nordnorwegen kommen MÜSSEN Sie die besuchen und die Werke Karl Erik Harrs und Tor Arne Moens in der Galerie Hamsun und Galerie Tranøy sowie Edvardas Trøisomhet, Galerie Pfarrhaus, Tranøy Leuchtturm bewundern. Selbst wenn Sie kein Kunstliebhaber sein sollten (kann man das überhaupt?) so sind doch die Aussicht und Kaffee mit norwegischen Waffeln ein unvergessliches Erlebnis.
In der Schule und im Freilichtmuseum war Kunsthandwerk von Einheimischen zu sehen.
Leider fielen die Kletterpartien zu den Hausbergen Hamarøys, Kråkmotind und Hamarøyskaftet auf Grund des nordnorwegisches Wetters ins Wasser. Trotzdem konnten die Philatelisten ständig und überall "Post-Benoni" mit seinen Postkoffern mit Briefmarken, Sonderstempeln und Hamsun-Tage-Umschlägen antreffen.

Konzerte:
Jedes einzelne Konzert zu erwähnen wäre unmöglich, aber die Bemühungen, so viele namhafte Musiker nach Nordnorwegen zu verpflichten, wurde mit vollen Häusern belohnt, z. B.im Leuchtturm, im alten Mehldepot und an anderen außergewöhnlichen und reizenden Aufführungsplätzen. Daß es da manchmal zu technischen Problemen kommt, läßt sich wohl kaum vermeiden. Wegen Nebels und Transportproblemen gab es einige Schwierigkeiten. Auch das Interview mit dem Schriftsteller Dag Solstad litt darunter, trotz eines wohlvorbereiteten Moderators Even Arntzen und des wunderbaren Ambientes in der Tranøy-Galerie.

Theater:
Ein weiterer Höhepunkt war die Aufführung von Knut Hamsuns "Schwärmer" des Hamarøy-Theatervereins: vier total ausverkaufte Vorstellungen. Enthusiasmus und Freude am Theater bei den Schauspielern, der Regisseurin, den Musikern und bei allen, die hinter dem Vorhang mitwirkten. Es war eine amüsante und kurzweilige aber auch loyale Bühnenfassung von Hamsuns Werk. Ein "warm-ums-Herz-Erlebnis", das man selten im "richtigen Theater" findet.

Auf dem Kirchenweg in der Morgendämmerung:
Die alte Kirche Sagfjord hat eine sonderbare Geschichte: Sie wurde von ihrem alten Platz weg auf eine neue Stelle auf der anderen Seite des Kalvågfjordes versetzt. Der Weg zur Kirche war danach folgender: mit dem Boot über dem Fjord und dann über einen Pfad über die Hügel. Das 225-jährige Jubiläum der Kirche wurde mit einer Prozession auf diesem Weg, einem Gottesdienst nach der Liturgie aus der Zeit um 1920 (zelebriert von 3 Priestern, einer von diesen war der Stellvertretende Vorsitzende des Evangelischen Weltverbandes in Genf), mit Sakralmusik, 3 Taufen (die Angehörigen waren in Trachten gekleidet), vielen Kirchgängern historischer Kleidung von 1920 sowie Kaffee gebührend gefeiert.

Geister:
Daß Lesungen um Punkt 20 Uhr anzufangen haben, gilt nicht während der Hamsun-Tage! Eine halbe Stunde vor Mitternacht trafen wir uns, ausgerüstet mit Fackeln, an der Kirche und gingen zum Friedhof mit den Ruinen des alten Pfarrhauses, um Knut Hamsuns Erzählung "Ein Gespenst" aus der Sammlung "Kratskog" (1903) anzuhören.


Volksfest:

Wenn man nach diesem Bericht das Wort Kultur nicht mehr hören kann: Die Hamsun-Tage sind auch ein Volksfest mit Vergnügungspark, Markt, Open Air Konzerten (...wenn sie nicht, bedingt durch schlechtes Wetter, ins Schwimmbad verlegt werden), Eis umsonst, Hafenfest, Bällen ....Wenn man sich langweilt, ist man selber schuld!

"..der Strom Glimma, den keiner verlässt ohne Mal ewig zu tragen." 

August und das Dorfgespenst:
Das ganztägige Seminar "August und das Dorfgespenst" hatte den ständigen Konflikt zwischen dem Unterdrückendem/Erhaltendem/Statischem und dem Vorwärtsgerichteten/Verbessernden/Dynamischen, beleuchtet durch Knut Hamsuns Figur August und das Buch Tor Johnssons "Das Dorfgespenst" (ein Buch über Intoleranz und Manipulation) zum Thema.
Der Forscher Ingar Sletten Kolloen, der Medienexperte Knut Folkestad, die Künstlerin Tove Karoline Knutsen , der Beamte Per Eidsvik und die Gründerin Bente Orfjord dokumentierten: daß das Dorfgespenst noch lebt, auch seine negativen Einflüsse; daß man nicht in der Lage ist, das Dorfgespenst an sich selbst zu erkennen, sondern nur bei anderen; daß das Dorfgespenst nicht nur im Dorf gedeiht, sondern auch in der Stadt, ja selbst in den progressivsten Kreisen gibt es ungeschriebene Regeln "was man tut und was man nicht tut".
Daß es notwendig ist, das Dorfgespenst zu bekämpfen ist klar, aber daß es auch möglich ist, wurde durch lokale Beispiele dokumentiert. Nordnorwegen ist vielleicht traditionell (Hauptbeschäftigung Fischerei) öfters dorfgespenstfreie Zone. (Anmerkung: Daß es so ist, erlebt man als Gast auf Hamarøy. Daß die Hamsun Tage hier stattfinden, ist ja auch ein Beweis an sich.)

Das Literaturseminar der Hamsun-Gesellschaft:
Das Literaturseminar, für Hamsun-Enthusiasten ein Höhepunkt der Hamsun-Tage. Welche Überraschungen werden während des zweieinhalbtägigen Seminars geboten? Es wird eifrig im Programm geblättert...
In diesem Jahr wurden drei neue Bücher vorgestellt: Nils Magne Knutsen hatte ein Buch, voll mit den besten Hamsun-Zitaten zusammengestellt, von denen er am ersten Abend Kostproben zum Besten gab. Mein Lieblingszitat? "Unmöglich zu sagen, alle sind so richtig."
Harald S.Næss präsentierte den sechsten und vorläufig letzten Band von Hamsuns gesammelten Briefen, eine Goldmine mit vielen kleinen Überraschungen: u.a. hat Hamsun hat sogar über Scheidung nachgedacht. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, Harald Næss zu hören, es hieß, er sei ein hervorragender Referent. Meine Vorfreude wurde nicht enttäuscht, es wurde ein heiteres Weilchen, Zitate aus den problematischen Jahren 1934-1950 zu hören. Wir freuen uns auf den Ergänzungsband, der im nächsten Jahr erscheint, weil immer neue Briefe auftauchen.


"Im Märchenland. Erlebtes und Geträumtes aus Kaukasien", Hamsun 1899. 100 Jahre danach: Bjørn Rudborg und Ole Petter Førland waren auf genau derselben Route unterwegs. Konnten sie einige von Hamsuns Abenteuern wiederfinden? Daraus wurde ein kurzweiliger Bericht, herausgegeben als Nachwort in der dritten Neuerscheinung des Jahres: Hamsuns "I Æventyrland". Durch den Diavortrag bekamen wir ein Eindruck von den Erlebnissen der beiden Abenteurer u.a. haben sie an der Wand des früheren "Hotel London" in Tiflis eine Gedenktafel gefunden, die von Hamsuns Besuch zeugt.


Britt Andersen aus Trondheim hatte "Pan" unter die Lupe genommen. Sie hat eine neue Sicht auf diesen Klassiker: Sie fand nicht den Waldgott Pan, sondern Hamsuns berauschende Sprache, denn das Wort Pan ist die indische Bezeichnung des Rauschgifts in den Bethelblättern. Und das hat Hamsun gewusst. Eine ganz neue Art und Weise, Pan zu erleben.


Lubisa Rajic von der Belgrader Universität referierte über die Probleme bei der Übersetzung von Hamsun. Selber hat er u.a. "Pan" übersetzt. Viele Übersetzungen fand er fade, besonderes wenn es sich um eine Übersetzung einer Übersetzung (aus Deutsch oder Russisch) handelte. Das Ergebnis ist wie gebügelte Kleider: flach.


Snezjana Djenkova aus Bulgarien unterrichtet in Norwegisch in Sofia. Die Interesse an der norwegischen Sprache ist steigend. Das Interesse an Hamsun wechselt, z. Z. steigend. Auch sie wußte von schlechten Übersetzungen zu berichten.


Ivar Roger Hansen recherchierte über Musik und Musiker in Hamsuns Werken. Ich wusste nicht daß es so viele gab.


Der Psychiater Bjørn Raster ist ein Student aus Gabriel Langfeldts letztem Wurf. Er fragte nach, ob das gängige Bild von Langfeldt als kaltem und zynischen, den schwachen, alten Hamsun bearbeitenden Gerichtspsychiater richtig sei. Hier gibt es Spielraum für mehr Nuancen. Ein sehr interessantes Referat.


Hans H. Skei von der Universität Oslo hielt ein fesselndes Referat über Hamsuns Lyrik. Er trug so gut vor, daß man meinte, den Geist Hamsuns wahrzunehmen.


Vor unserem Ausflug nach Korsnes erzählte die Historikerin Bjørg Evjen vom Handelsplatz und von der Legende, daß Hamsun ein zweijähriges Mädchen vor dem Ertrinken gerettet haben sollte. Wahrheit? Vielleicht, in seinem Roman Victoria erzählt er über diese Geschichte.


Ein Höhepunkt in diesem Jahr wurde Pfarrer Rolf Steffensens Referat über "Der nicht benutzte Schlüssel". Bis heute wurde übersehen, daß der Hass, den Hamsun auf den Onkel hat, dem Vergessen, daß er von seinen Eltern im Stich gelassen worden war, dient. Der Einfluss dieses Traumas in seinen Werke wurde beleuchtet.

Alles wurde schön verpackt und eingebettet in Texte Knut Hamsuns, vorgetragen von der Schauspielerin Bente Børsum, von den immer wohlvorbereiteten Organisatoren Nils Magne Knutsen und Even Arntsen. Denen ein großes Dankeschön für das interessante und aufwendige Seminar.
Die Teilnehmer bekommen alle Vorträge als Buch zugeschickt, aber andere Interessenten können das Buch, welches Teil der Buchreihe der Hamsun-Gesellschaft wird, bei der Hamsun-Gesellschaft kaufen.

Organisation, Programm, alte und neue Freunde treffen:
Was sagt man, wenn man als Gast Hamarøy besucht und so ein Feuerwerk von Veranstaltungen präsentiert bekommt? Es war überwältigend!
Wem gilt der Dank? In erster Linie dem Organisationskomitee mit dem Vorsitzender Rolf Steffensen für die Kreativität und den Arbeitswillen, ein so umfangreiches Programm auf die Beine zu bringen. Nur das sorgfältig hergestellte Programmheft bietet einen kompletten Überblick; der Gemeinde Hamarøy mit der Bürgermeisterin Maj Valle für ein Festival von nationaler Bedeutung; der Hamsun-Gesellschaft für den Ankerpunkt Literaturseminar mit internationaler Bedeutung; allen privaten Initiativen, die für Vielfalt sorgten; den Sponsoren, öffentlichen und privaten Spendern. Wenn man sieht, wie viele Menschen an diesem Projekt gearbeitet haben, denke ich, daß die ganze Gemeinde mit ihren 2000 Seelen im Einsatz gewesen sein muß.
Als Teilnehmerin an früheren Hamsun-Tagen war es natürlich auch ein Höhepunkt, Freunde und Bekannte wiederzutreffen. Die Offenheit der Menschen auf Hamarøy machte es einfach, neue Bekanntschaften zu knüpfen, und hinterläßt viele schöne Erinnerungen an zehn inhaltsreiche Tage.

Die nächsten Hamsun-Tage:
Die nächsten Hamsun-Tage auf Hamarøy finden 2002 statt. Es ist wirklich zu empfehlen, einen Urlaub in Nordnorwegen zu planen, der in die Zeit der Hamsun-Tage fällt. Diese Kombination von Kultur und der Natur Nordnorwegens ist einmalig und spendet Kraft für das ganze Jahr!

Nächster Termin für Hamsun Liebhaber ist das 3. Hamsun-Seminar in Grimstad in Südnorwegen im September 2001.


© Kirsten Hedvig Rasmussen www.hamsun.at