"Verglichen mit Bjørnsons ist zum Beispiel Ibsens Poesie reine mechanische Büroarbeit. Ibsens Verse besteht darin, dass Reim auf Reim trifft mit einem Knall; die meisten seiner Schauspiele ist dramatisierte Holzmasse." Mysterien. Knut Hamsun.

Ich sehe vor mir die zwei Dichter sitzend auf eine Wolke und hinab auf uns schauend. Die Luft ist elektrisiert, wie ein unsichtbares Echo von den zwei Dichterstimmen, die noch zwischen uns klingen.

Doch, der Briefkasten ist noch da. Ich sehe vor mir wie Hamsun über die Strasse läuft um eine Postkarte nach Nørholm ein zu werfen.

Voll der Erwartung nahm ich Kurs Richtung Hirtshals und die Fähre nach Kristiansand. Zusammen mit unzähligen, Menschen auf den Weg in die Ferien und andere, gebräunt, auf den Rückweg. Es gab ein Zwitschern in vielen Sprachen um mich herum. Ziel der Reise war Grimstad, wo Ibsen und Hamsun wieder in schöner Harmonie sich vereinigen, zur Freude unser alle vom 11-14 August.

Ich hatte ein herrliches Buch mit gebrach: Henrik Ibsens Eigene Karikaturen 1850-52 von Martin Nag. Ein großartiges Vergnügen und die Zeichnungen sind unwiderstehlich, ich hatte gute Unterhaltung während der Überfahrt.
Die Erwartung meldet sich. Eine schöne Fahrt hatte ich auf der neuen E 18, die mich schnell nach Grimstad und zur Hotel brachte nachdem ich im Schneckentempo das Schiff verlassen und die Zollbeamten passieren konnte.

Es war ein sehr schönes Gefühl wieder hier zu sein, mitten in wunderschönen Südnorwegen umgeben von engagierten Hamsun und Ibsen-Freunde. Dass wir Ola Veigaard nicht mehr unter uns hatten, war das einzige was mir Kummer bereitete. Er war ein unersetzlicher und guter Freund, der mich vieles über Hamsun gelehrt hat.

11 August gab es ein Vortrag mit Even Arntzen im Cafe Galleri. "Lykke og værensfylde i Hamsuns forfatterskap" (Glück und Lebensqualität in Hamsuns Werken). Der Cafe war randvoll von bekannten und fremde Menschen. Es war schön die alten Freunden wieder zu sehen und gemeinsam die Erwartungen an den Ereignissen zu erleben.

Even hielt wie immer einen interessanten und vernünftigen Vortrag mit dem Thema "wann und in welche Situationen das Unglück in Glück, die Leere in Vitalität, in Lebensqualität umschlägt". Man spürt wie vertraut mit Hamsun er ist.

 

"Gud straffe dig Alvilda" (Gottes Strafe über dich Alvilda), über Eifersucht und Mord aus Eifersucht in Knut Hamsuns Werken. In diesem Vortrag gaben Wenche Torrissen und Nils Magne Knutsen einen Übersicht über das Motiv Eifersucht in Hamsuns Romanen. Keiner hat die zerstörerische Kraft der Eifersucht so intensiv und leidenschaftlich wie er geschildert. Der Vortrag war wie ein Dialog wechselnd zwischen den immer aufgelegten Nils Magne und Wenche, ein echter Genuss.

Nach einen Spaziergang in der hellen Sommerabend, über die Hauptstrasse runter zum Sorenskrivergården setzten wir uns an einem wunderschön gedeckten Tisch und "Hamsun med kniv og gaffel" (Hamsun mit Messer und Gabel), ein gastronomisches Treffen mit Hamsuns Romane "Hunger", "Benoni", "Pan" und "Segen der Erde". Zu jedem der Romane wurde ein drei-gängiges Menü serviert und die Verhältnisse der Protagonisten zum Essen, entscheideten was auf den Tellern kamen.

"Jeg hadde intet å gi de fremmede som de vilde ha, jeg tænkte på det og vilde steke en fugl for løiers skyld; de skulde få det på jægervis, i fingrene. det kunde være et lite tidsfordriv. Og jeg stekte den fugl." (Pan)

Es wurde ein herrlicher Abend. Vor jedes Gericht erzählte die gut aufgelegten Wirtsleute aus dem Roman, der die Inspiration zum Gericht gegeben hatte. Wirklich ein genialer Idee. Vorspeise, Hauptgericht, Dessert und das 4 Male mit unterschiedlichen Delikatessen. Wir waren alle satt (!) und mit Eindrücke gefüllt als wir zurück zum Hotel kamen und über einen Drink die Erlebnisse des Tages diskutierten.

 
Hege Faust, ich und Leif Hamsun und Sigrunn Veigaard

Der nächste Tag hatte wieder schöne Erlebnisse im Angebot. Zusammen mit Leif und Even machte ich einen Besuch auf Eide Friedhof, wo mehrere Mitglieder der Hamsun Familie die letzte Ruhe findet. Wir waren danach bei der Dichterhütte auf Nørholm , eine Hütte die wir uns immer mit Ehrfurcht nähere. Es ist als ob Hamsuns Geist immer noch über dem Ort mit seinen überwachsenen Trittflächen schwebe, und uns an einer vergangenen Zeit erinnere.

Am Abend gab es wieder einen interessanten Vortrag im Cafe Galleri. Diesmal hielt Hans Grelland einen sehr einfühlsamen Vortrag mit dem Titel "Si meg hva du føler!" (Sag mir was Du empfindest) über Gefühle und Leidenschaft in der Literatur.

Der Abend wurde fortgesetzt mit einem herrlichen, sehr Weise und interessanten Gespräch zwischen Vigdis Hjort und Fred Artur Asdal. Der Titel lautete "Dikter i dikternes by" (Dichter in der Stadt der Dichter). Eine gut aufgelegte Vigdis brachte den Saal zum lachen gleichzeitig mit weisen und nachdenklichen Wörtern von den Beiden.

"Kjærlighet til glede og besvær" (Liebe zur Freude und zum Frust) lautete nächster Programmpunkt. Ein Abend der großen Gefühle: Liebe , Eifersucht und Hass, vermittelt durch Hamsuns Gedichte gelesen von Inger-Helen Kilsti mit Musik der Roma gespielt von der Gruppe "Sturm und Drang". Ein phantastisches Erlebnis, wo Inger-Helen am Ende Rosen ans Publikum verteilte. In der Gruppe "Sturm og Drang" spielen: Ragner Heyerdahl, Eilif Moe, Per Karang, Svein Haugen und Magne Henriksen. Ein Highlight als i-Tüpfelchen auf einen sehr schönen Tag

"Frøken, det er Dem jeg fortæller for, sa han så alle hørte det. De står som et sølvkors i solen. Det er ikke bare Deres skjønhet som er så stor, men det er Deres ungdom, Deres dejlige ungdom. De beruser mig med den og jeg blir gal etter den. Se nu Deres armer, hvor det er blod under huden på dem." (Erobreren) Kratskog.

In Grimstad steht jetzt auch eines der wunderschönen Skulpturen von Nina Sundby "Victoria". Sie ist DIE Figur auf dem Platz Bietorvet.

Und genau Bietorvet war Ort des Geschehens am nächsten Tag. Im schönsten Wetter war der Platz voll besetzt mit erwartungsvollen Zuschauern zur Tanzaufführung mit Allegro Ballettstudio. Schüler aller Altersklassen gaben tolle Vorführungen in schönen Kostümen. Mit sehr viel Schwung gab es alles von Jazz, Showjazz, Streetjazz, Hiphop, Breakdance, klassisches, Kinderballet bis Volkstanz.

Danach gab es Strassentheater mit Lars Arstad und Morten Liene. Zwei hungrige Männer erscheinen im Strassenbild und erzeugen Bilder an Orten, die an Ibsen und Hamsun anknüpfen. Eine spannende und interessante Idee.


ich , Sigrunn Veigaard und Leif Hamsun

Und wie immer gab es den traditionellen Ibsen Nachmittag auf der Insel Kvaløya. Hier konnte ich leider nicht Teil nehmen. Meine Gesundheit setzt immer noch Grenzen für meine Aktivitäten, aber von Anderen habe ich gehört, dass es eine herrliche Nachmittag wurde, und das Wetter spielte auch mit. Auf den Rasen gab es zuerst ein Konzert mit Hilde Louise Asbjørnsen und Kaffee und heiße Waffeln wurden serviert. Dann gab es nach guter Tradition die Lesung aus Terje Vigen, in diesem Jahr von der Schauspielerin Ane Dahl Torp. Ich weiß von den letzten Jahren wie stimmungsvoll es ist, wenn die dramatische Verse über die Bucht klingen:

Da yacten drejed for Hesnæs-sund,
den reiste det norske flag.
Lidt længere vest er en skumklædt grund, -
der gav den det glatte lag.
Da tindred en tåre i Terjes blik;
han stirred fra hejen ud:
"stort har jeg mistet, men stort jeg fik.
Bedst var det,kanhænde, det gik som det gik,-
og så får du haè tak da, Gud!"

Am letzten Tag gab es zwei Veranstaltungen, wo ich auch nicht Teil nehmen konnte: "Hamsuns ruslespor - Brevkortet." (Hamsuns Wanderpfad - die Postkarte). Zum Glück habe ich die Route mehrmals gemacht, so ich konnte in Gedanken dabei sein. Hamsun beschreibt in "Auf überwachsenen Pfaden" seine Wanderrouten in der Umgebung. Die Wanderungen zerrten sehr an seinen Schuhen. Er schrieb da eine Postkarte nach Nørholm und bat um neue Schuhe. Da es ihm nicht erlaubt war ins Zentrum zu gehen, machte er sich, um nicht entdeckt zu werden, über die Hügel zum Briefkasten.

Später am Tag gab es "På to hjul med Ibsen og Hamsun" (Auf zwei Rädern mit Ibsen und Hamsun). Die Tour lief durch Orte im Zentrum, an Fjære Kirche, auf Dømmesmoen und in Landvik sowie an Hamsuns Höhle am Luetjenn. Als ich mich noch nicht auf dem Fahrrad traue, fuhren Leif Hamsun und ich im Auto zur Höhle, ein historischer Ort, wo viele Gedanken aufkommen.

Sonntag Abend bot noch ein ungewöhnliches und spannendes Erlebnis, "Fjeldfuglen" (Der Bergvogel) von Henrik Ibsen. Eine neue norwegische Oper mit der Theaterensemble Grusomhetens teater. Grusomhetens teater schrieb Theater-Geschichte als man die Uraufführung von Ibsens unvollendete Opernlibretto Fjeldfuglen zeigte. Aus dem Programm:

Grusomhetens teater hebt die Nationalromantik vor mit ihren Bildern von naiven, unschuldigen norwegischen Bauern. Die Geschichte basiert auf der mythische Erzählung über die Jostedalsrypa, die in den norwegischen Bergen herumirrt zur Zeiten der Schwarzen Tod. Die Farben sind melodramatisch, expressiv und stilisiert, die Kostüme sind dem Bild Die Hochzeit in Hardanger entnommen, und die Musik ist Teils von Folklore inspiriert und Teils kontemporär.

Ich weiß noch nicht ganz, was ich über "Fjeldfuglen" denken soll, es war auf jeden Fall ein sehr spezielles Erlebnis. Aber ab und zu ist es wohl angebracht, Neues zu erleben und zu überlegen wie man Neues sehen und erleben können.

Der Abend endete mit MItternachts-Essen im Hotel, und am nächsten Morgen musste ich Abschied nehmen für dieses Mal und wieder Kurs auf Kristiansand und die Fähre nach Dänemark setzen. Der Regen war jetzt gekommen und folgte mir nach Dänemark.

Wieder hat es viele und unvergessliche Erlebnisse gegeben. Vielen herzlichen Dank der Ibsen - Hamsun Stiftung in Grimstad für ein unglaublich spannendes Programm, das wieder unsere Seelen berührt hat und uns ein bißchen weiser gemacht hat. Voll der Erwartung freue ich mich wieder zu kommen im nächsten Jahr.

Kirsten Hedvig Rasmussen


© Kirsten Hedvig Rasmussen www.hamsun.at