Hamsuntage in Grimstad 2001

Zum dritten Mal wurde zu den Hamsuntagen nach Grimstad, Südnorwegen eingeladen. Erwartungsvoll und mit glücklichen Gefühlen fuhr ich die wunderschöne Küstenstrasse entlang, die Sonne hieß mich willkommen, Bäume und Sträucher hatten noch nicht ihr Herbstkleid angelegt, nur einzelne waren frühzeitig gelb. Nørholm, schlicht und gepflegt, lud zu einer kurzen Pause ein, ich schleiche an dem wohlbekannten Pförtchen vorbei zur Dichterhütte, die einsam in die Landschaft hineinlugt. Ein Ort, wo die Flügelschläge der Geschichte flüstern.

Nach dem Parken in der Hotelgarage spähte ich bange die Straße hinunter: War der berühmte Postkasten immer noch an seinem Platz? Es gab Gerüchte, denen zufolge er entfernt werden sollte, aber die Post hat Wort gehalten. Der Kasten hing immer noch an seinem Platz.

Wer hat Hamsun nicht mit Anspannung auf seinen verbotenen Exkursionen begleitet: vom Grimstad-Krankenhaus die Kirkebakken hinab, schnell über die Storgatan, die Postkarte in den Briefkasten werfen... Er wird vom Polizeibeamten entdeckt, der glücklicherweise nett ist und keinen Rapport schreibt. Ich bin jedes Mal aufs Neue erleichtert, wenn ich es lese. Fast hätte ich mich beim Einwerfen meiner eigenen Postkarten in diesen Briefkasten schuldbewußt umgesehen.

Mit einigermaßen gutem Gewissen ging ich dann in diese schöne Stadt und verbrachte ein paar herrliche Stunden zusammen mit Marianne Hamsun, einer ausgesprochen angenehmen und spannenden Bekannten. Dann war ich bereit, in das Programm einzutauchen.

Knut Hamsuns "Gangspilsvise" (Gangspillweise) wurde von den Musikschülern der Dahlske videregående skole aufgeführt, Tor Livar Grude hatte die Musik dazu komponiert. Welch ein Erlebnis: Hamsuns Worte und Musik mit Lebensfreude vorgetragen, eine Einheit bildend, die lange im Blut widerhallte. Wenn man bedenkt was Hamsun selber an Hans Aanrud am 20. Mai 1904 schrieb: "...und an die Gangspillweise glaube ich nicht. Die ist zu sehr Literatur." Unglaublich!

Der Amanuensis für nordische Literatur an der Fachhochschule Agder, Oddbjørn Johannessen, erzählte anregend von dem "Theaterverachter Knut Hamsun als Dramatiker". Ja, ich weiß, es ist allgemein bekannt, dass er als Schauspielautor nichts taugte, zum Teil, weil er selbst diese Meinung kundtat. Aber stimmt es auch? Er war ja sehr geschickt, uns in die Irre zu führen, wenn es um seine Person ging. Was geschah in Hamsun Leben, daß er begann, das Theater und all sein Wesen so zu hassen? Hamsuns Stücke wurden ja meistens in Deutschland und Russland sehr gut aufgenommen, was auch Johannessen bestätigt. War er enttäuscht über den fehlenden Erfolg in Skandinavien? Liegt die Erklärung auf der Hand oder sollte man mehr in Hamsuns Leben suchen? Wenn man seine Briefe aus den Jahren, in denen er seine Stücke schrieb, liest, sieht man zwischen Romanen, Gedichten und Schauspielen gar keine Unterschiede in seinen Beschreibungen und im Ausdruck seiner Hoffnung, daß die Werke gut ankommen würden. Ein Freund Knut Hamsuns, Carl Birger Mørner, schwedischer Schriftsteller, Diplomat und Völkerkundler, schrieb das Schauspiel "Salig Baronessen" (Die selige Baroness), das Hamsun mit einem Vorwort versah und Bolette Pavels Larsen übersetzte, und es 1893 herausgab. Im Jahr danach wurde das Stück im Theater zu Christiania aufgeführt. Aus meiner Sicht hatte Hamsun während vieler Jahre ein gutes Verhältnis zum Schauspiel, aber dann passierte irgendetwas. Ein guter Vortrag wirft Gedanken auf und zettelt Diskussionen an.

Nach dem gedankenanregenden Vortrag wurden wir wieder von Hamsuns Worten umgarnt, als Rolf Magne Asser seine eigenen Melodien zu vier Gedichten Hamsuns vortrug. Und als er auch noch sein Saxophon hervorholte, Tor Livar Grude am Klavier als Begleitung, war die Stimmung am kochen.

"Der Radikale Hamsun" hieß der nächste Vortrag von Lars Frode Larsen. Hier bekamen wir eine Kostprobe seines neuen Buches, das in diesem Herbst erscheint; u.a. mit Zitaten aus dem ursprünglichen "Hunger" mit einigen gotteslästernden Sätzen. Der junge und radikale Hamsun war damals stolz auf seine Äußerungen, aber die standen nur in der Erstausgabe, weil Hamsun selbst sie später streichen ließ. Larsen brachte mehrere aufregende Beispiele vom radikalen Hamsun und erinnerte an die Bedeutung, Hamsuns Leben nuanciert zu betrachten. Politisch, religiös und schriftstellerisch war Hamsun in seinen jungen Jahren radikal, was heute öfters vergessen wird. Ein spannender Vortrag, und wenn ich Larsen richtig kenne, wird sein Buch tiefgehend, spannend und interessant sein. Nach dem Vortrag mußte Larsen "Schwerstarbeit" leisten: alle meine mitgebrachten Lars-Frode-Larsen-Bücher signieren... Und das waren glücklicherweise viele.

.

Harald S. Næss hat den Band 6 von "Hamsuns Briefe" beendet, jetzt kommt sogar noch ein Anhang! Wenn jemand Hamsun kennt, dann muss es Harald Næss sein. Was hat er nicht alles aus den Briefe erfahren! Næss ist ein hervorragender Referent, der uns gut aufgelegt auf Entdeckungsreise in Hamsuns Briefwelt mitnahm (alles inklusive: vom Alltagstrott bis zu Lebensfragen). "Ich danke Dir liebe Victoria, daß Du mir nie Vorwürfe machtest da die Anderen mehr bekamen als Du, Du hast kein Wort gesagt, keine Silbe. Gott segne Dich dafür. Jetzt bekommst Du den Lohn der Gerechtigkeit wie Deine Geschwister." schrieb Hamsun in einem Aussöhnungsbrief. In einem Brief an seinem Freund Christian Gierløff schreibt Hamsun: "Sie war mein böser Geist, immer. Ich will die Scheidung". Wie wir wissen kam es ja nicht dazu. Ja, diese Briefsammlung ist eine Fundgrube für alle, die Hamsun lieben.

Rolf Steffensen: "Hamsuns religiöses Anliegen". Steffensen hatte drei Bücher Hamsuns ausgewählt, je eines aus seiner Jugend, seinem Erwachsensein und seinem Lebensabend: "Hunger", "Segen der Erde" und "Auf überwachsenden Pfaden". Steffensen hielt hier einen hervorragenden Vortrag über die Religiosität und den Glauben, die aus diesen Büchern hervorgehen. Auch ein Vortrag, der die Gedanken anregte.

Nichts geht ohne gutes Essen!!!! Harald Næss, Leif Hamsun und Bjørn Hemmer unterhalten sich mit der Journalistin Unn Conradi Andersen vom Dagbladet, sie schreibt gute Reportagen und Artikel über Hamsun.

Leif Mevik: "Knut Hamsun und der Nobelpreis". Leif, Vorsitzender der neuen Osloer Sektion der Hamsun-Gesellschaft, nahm uns mit auf eine Wanderung durch seinen Lieblingsroman "Segen der Erde", der ihn sein ganzes Leben begleitet hat. Durch Zitate wurde man in die Welt des Romans versetzt. Der Nobelpreis und das Fest danach, die Probleme mit Marias Modellkleid, das nach Hamsuns Meinung zu tief ausgeschnitten war und die Geschichte mit dem eingesetztem Tüll- all das hat Mevik geschildert. Aber am meisten gefiel mir die Geschichte, wo Hamsun nach dem feuchtfröhlichen Nobelfest aufwacht, immer noch in voller Gala, und sagt: "Meine Güte, habe ich die ganze Nacht ohne Krawatte geschlafen!"

Marianne Hamsun, Alf-Einar Øyen und Helga Wiik warten mit Spannung auf dem nächsten Vortrag von Ingar Sletten Kolloen.

Ingar Sletten Kolloen: "Wie schreibt man eine Hamsun-Biographie?". Kolloen weihte uns in seine Gedanken ein: Eine Biographie ist wie ein Puzzle, wie ein Ölbohrplattform wo jeder kleine Niet hilft, alles zusammenzuhalten. In seinem Team hat Kolloen u.a. Lars Frode Larsen, Harald Næss, Leif Hamsun und den Psychiater Sigmund Karterud. Nach diesem sehr persönlichem Vortrag hatten wir alle das eine Gefühl: Keiner könnte diese Biographie besser schreiben als Kolloen.

Abends machten wir einen herrlichen Ausflug nach Lillesand ins Hotel Norge, wohin Hamsun sich zurückzog, um in Ruhe schreiben zu können. Wieder erzählte Harald Næss lebhaft über die Romane, die hier von Hamsuns Feder entstanden z.B. "Mysterien". Nach einer herrlichen Fischsuppe, Dessert und Kaffee besuchten wir das berühmte "Hamsun-Zimmer" das jetzt eine elegante Suite ist.

Die Hamsun-Tage endeten mit einem Gottesdienst in der voll besetzte Kirche von Landvik mit den Pfarrern Tom Martin Berntsen und Rolf Steffensen. Steffensen hielt eine hervorragende Predigt, in deren Text er Hamsun mit einbezog. Danach gab es Kirchenkaffee im Forsøksgården, wo ehemalige Arbeiter Erinnerungen aus der Zeit auf Nørholm erzählten. Ich konnte selbst nicht teilnehmen, aber man erzählte mir, daß es ein schöner und würdiger Abschluss der ausgezeichneten Tage war.

Wem kann man danken für dieses hervorragende Programm: Primus Motor der Hamsun-Arbeit in Grimstad Ola Veigaard und seinem ganzes Team. Vielen herzlichen Dank, ich freue mich schon auf die nächste Veranstaltung!

Aufgetankt mit Hamsun-Erlebnissen düste ich in meinem kleinen gelben Polo den langen Weg nach Karlsruhe zu Gert. Ich konnte es fast nicht erwarten, ihm alles, was ich erlebt hatte, zu erzählen. Selbst nach mehreren Stunden erzählen sah Gert noch interessiert aus aber vielleicht träumte er von:


© Kirsten Hedvig Rasmussen www.hamsun.at